Was bei #ADHS helfen kann | Medikamente nehmen oder doch eher nicht? Ein neuer Versuch.

Die Frage stellt sich mir immer wieder, ob die Einnahme eines ADHS-Medikaments eine Aussage darüber macht, wie mein Selbstverständnis als ADHS-lerin in dieser Welt ist. Sehe ich mich als Systemfehler, heißt: sage ich, indem ich ein Medikament für (oder gegen?) ADHS nehme, über mich aus, dass meine ADHS-Thematik eine Art Behinderung oder eine Störung ist, die es möglichst zu beheben und auszuschalten gilt?

Das greift, denke ich, viel zu kurz. Fakt ist, dass ich in einer Welt lebe, in der es wenig Platz für Menschen mit ADHS gibt. Es sind ungefähr 2,5 % der Bevölkerung mit ADHS diagnostiziert, die hohen Dunkelziffern mal ausgeblendet. Dazu all jene, die sich bewusst nicht diagnostizieren lassen wollen. Außerdem leiden manche an oder unter ADHS, manche nicht.

Fakt ist ebenfalls, dass ich mir, nachdem ich endlich diese Diagnose bekommen habe (zweieinhalb Jahre sind es inzwischen) mein eigenes So-Sein endlich besser erklären und endlich akzeptieren kann. Doch damit sind die Schwierigkeiten nicht vom Tisch. Mit der Diagnose ist und war der Leidensdruck ja nicht einfach weg.

Ich entschied mich, und entscheide ich mich weiterhin, dafür medikamentöse Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Das Medikament hilft mir, weniger zu leiden und den Leidensdruck besser auszuhalten. Ich ertrage Alltagsreibung besser.

Dabei geht es nicht um eine Bewertung meines So-Seins oder eine Abwertung gar, sondern darum, weiteres Leid zu reduzieren, das aus meiner hohen Reizempfindlichkeit, Hyperaktivität und leichten Ablenkbarkeit erwächst.

Dass ich mich nebenbei tatsächlich kompatibler mit meinen Mitmenschen fühle und weniger auffällig oder weniger anders ist ein Nebeneffekt, nicht die Hauptsache. Das Medikament lässt mich den Umgang mit anderen ein wenig weniger stressig empfinden; und alles, was Stress reduziert, ist mir willkommen.

Die Hauptsache aber ich für mich, mehr und mehr in die Selbstakzeptanz zu kommen und immer weniger zu maskieren. Maskieren ist die Strategie, die mich bis hierher gebracht hat und die mir geholfen hat, zu überleben, immerhin, also will ich sie würdigen. Und ziehen lassen, denn Maskieren ist auch jene Strategie, die mir am meisten Energie abgezogen hat.

Wenn ich also versuche, immer weniger zu maskieren, obwohl ich das Medikament nehme, bin ich – so denke ich es für mich – auf dem für mich richtigen Weg, der genauso richtig ist wie der Ansatz anderer ADHS-Betroffener, die beschliessen kein Medikament zu nehmen, denn sie sind ja kein Systemfehler.

Wer sich mit Diagnose und ohne Medikament  auf den Weg begibt, hat meinen ganzen Respekt.  Wer sich in seinem Beruf oder in seinem Alltag mit Diagnose und ohne Medikamente einen Platz schaffen kann und gut damit zurechtkommt, hat oder braucht vermutlich viel mehr Selbstbewusstsein, als es viele von uns aufbringen können, die wir Jahre und Jahrzehnte lang in der Anpassungsfalle gelebt und Leidensdruck aufgehäuft haben. Viele von uns verfügen nicht über dieses Selbstbewusstsein, von jetzt auf gleich nach einer erhaltenen Diagnose (oder Selbstidentifikation) einen radikalen Weg der Selbstakzeptanz gehen zu können – also ohne die unterstützende Hilfe, die ein ADHS-Medikament zur Verfügung stellt.

Ich bin mir sehr bewusst, dass das eine ganz individuelle Angelegenheit ist und dass jede eine Person, die das nur für sich selbst entscheiden kann. Ich werte das nicht. Ich bin nur sehr dankbar, dass ich medikamentöse Unterstützung erfahren habe und erfahre, denn sie hat mir tatsächlich dazu verholfen, weniger zu leiden und meinem Hirn immer mal wieder die notwendige Ruhe zu geben.

Darum habe ich mich, nach zwei Jahren mit Methyphenidat, nun auf die Reise begeben, um ein anderes Medikament zu bekommen. In letzter Zeit hatte ich vermehrt den Eindruck, dass mein Medikament nicht mehr gleich wirkt, mich nicht mehr gleich unterstützt im Alltag. Ich fühlte mich oft so, als hätte ich das Medikament überhaupt nicht genommen. Höher zu dosieren ist bei Methylphenidat, wenn eins erst die richtige Dosis gefunden hat, nicht der richtige Weg. Eher könnte es sein, dass die Dosis eines Tages zu hoch ist, da mit dem Alter weniger Dopamintransporter den Dopaminzufluss stören.

Ich hatte darum meine Dr. ADHS um einen Termin gebeten, um mein Anliegen mit ihr zu besprechen: Ich möchte herausfinden, warum ich das Medikament nicht mehr als unterstützend erleben. Vorab hatte ich ihr per Mail schon ein wenig erzählt, auch dass ich einen neuerlichen Ferritin-Mangel vermute.

Sie sagte nicht einfach: »Oke, dann probieren wir etwas anderes!«, sondern hat genau nachgefragt, was sich wie anders anfühlt und um welche Tageszeit etc.

Könnte Ferritin sein, ja, sagte sie, zumal ja inzwischen einZusammenhang zwischen Eisenmangel und Dopamin bekannt ist. Auch sind die üblichen Schwellwerte bei ADHS-Betroffenen vermutlich höher als bei Menschen ohne ADHS und Ferritinmangelthematik.

Auch ob das Medikament vielleicht zu stark dosiert sei, wollte sie so herausfinden (ja, auch eine zu hohe Dosis kann eine unerwünschte Wirkung haben, zumal im Älterwerden die benötigte Dosis eher kleiner wird)). Wir sprachen auch über die Zusammenhänge zwischen meinen Antihistaminika (wegen Histaminintoleranz und Allergien) und wie sich diese auf MPH auswirken. Außerdem könnte es auch sein, dass ich gefühlt nicht mehr auf das Mittel anspreche, weil ich aus anderen, z. B. hormonellen Gründen seit einer Weile reizempfänglicher bin. Ich schlafe seit einer Weile nicht mehr so gut und lang wie auch schon, denn ich habe versucht, mir Melatonin abzugewöhnen, weil ich gelesen, dass dieses nicht langfristig genommen werden sollte. Dr. ADHS erklärte mir, dass Melatonin, das ja ein Hormon ist, eben auch Wirkungen auf die körpereigenen Hormone habe. Dass die unerwünschten Wirkungen eigentlich nur bei Kindern/Jugendlichen sowie Frauen, die schwanger werden wollen, relevant seien, da es eine Art Hormonverzögerung auslöse. Da ich aber weder zur einen noch zur anderen Gruppe gehöre, solle ich ruhig weiterhin Melatonin nehmen, zumal meine Dosis (1 mg) unbedenklich sei. Alternativ und mittelfrisitg könne auch ein gynäkologischer Hormonstatus gemacht werden. Bei Gestagen-Mangel werde der Schlaf oft auch beeinträchtigt und das könne mit körperidenten Gestagen-Gaben verbessert werden.

Schlafmangel könne durchaus dazu führen, dass ich das Gefühl habe, die Wirkung meines Medikaments habe nachgelassen, weil ich deswegen reizoffener sein könnte. Ich frage nach, ob auch eine Toleranzentwicklung in Frage komme, was sie verneint. Von einer Toleranzentwicklung spreche man eigentlich nur bei Drogendosen, die viel höher seien als die von ADHS-Betroffenen zu therapeutischen Zwecken eingenommenen. Das Thema kann also weg.

Schließlich beschließen wir, dass ich sowohl wieder Melatonin nehme, als aber auch das alternative Mittel der Wahl, Elvanse, testen werde.

Dr. ADHS erklärt mir, wie Elvanse wirkt und dass die Wirkung in manchen Punkten anders als bei MPH (Focalin, Ritalin und Co. = Methylphenidate) ist. Elvanse ist ein Lisdexamfetamin, also ein Prodrug, und wird erst im Magen-Darm-Trakt zur aktiven Substanz. Während MPH nach der Einnahme im Laufe des Tages zu ein oder zwei Peaks ansteigt und dann langsam abfällt, ist LDX eher konstant, der Wirkstoff tröpfelt quasi in die Blutlaufbahn und hängt sich an die roten Blutkörperchen, wirkt also gleichmäßig.

Anders ist auch die gefühlte Wirkung. Während MPH deutlich fühlbar Reize wegfiltert und dadurch gefühlt eine dickere Haut schenkt, fehlt diese Filterung bei LDX. Allerdings können die Reize besser und bewusster gesteuert und bewusster ausgeblendet werden. Es verlangt also mehr bewusstes Steuern. Die großen Vorteile von LDX liegen besonders im Bereich der Konzentration. Während MPH nicht unbedingt die Motivation erhöhen kann und Prokrastinationsschwellen fast genauso schwer überwindbar sind wie ohne Medikament, ist das bei LDX anders. Elvanse schiebt an, was – Achtung! – bei Menschen mit der Tendenz zu Selbstausbeutung gefährlich sein kann. Ich werde das mit den Pausen also endlich lernen müssen. Außerdem wirkt LDX serotonär, was so viel heißt, dass es sich auf den Serotoninspiegel auswirkt. Was ja auch nicht soo schlecht sein kann, denke ich. Elvanse soll außerdem mutiger machen, meint Dr. ADHS, mutiger  im Sinne von mehr Bereitschaft, sich auf soziale Interaktion einlassen zu können.

Der nächste Schritt für mich ist, dass ich die Off-Label-Erklärung lesen und unterschreiben werde, denn Elvanse ist nur bis 55 Jahre getestet, alle älteren Personen bekommen es off label. Ich unterschreibe quasi, dass ich es auf eigene Gefahr nehme. Danach geht das Testen los: Passt es für mich? Welche Dosis?

Das Mittel wird in Kapseln geliefert. Ich werde mit einer Viertelkapselfüllung (5 mg) anfangen. Das dann 3-4 Tage testen,  2-3 Tage pausieren und allenfalls höher oder gleich weitermachen. Dazwischen werden wir per Mail in Kontakt bleiben und uns in zwei Wochen wiedersehen.

Da es das zweite Mittel ist, das ich teste und da ich mich selbst sehr gut kenne und gut in Selbstbeobachtung meines Körpers bin, also quasi Expertin, sprechen wir uns mailisch ab zwischendurch. Beim ersten Mittel haben wir uns wöchentlich getroffen und ich musste buchführen über die beobachteten Veränderungen und Wirkungsweisen. Das soll ich auch dieses Mal wieder machen.

Ich bin gespannt auf das neue Werkzeug und werde hier berichten. Hoffentlich bleiben schwierige Nebenwirkungen aus.

Zwei Wochen ohne #ADHS-Medikamente

Das neue Jahr habe ich mit einem Experiment begonnen. Für 2 Wochen habe ich keine ADHS-Medikamente genommen und es war eindrücklich, was das mit mir macht.

Zuerst eimal warum das ganze? Ich habe, seit ich 18 bin, mit Migräne zu kämpfen. Seit ich vor ca. 10 Jahren die Pille abgesetzt habe, sind die Anfälle zum Glück nicht mehr ganz so schlimm, aber trotzdem noch sehr unangenehm, und regelmäßig mit mehr als einem Kopfschmerztag pro Woche. Mein alter Neurologe hat mir dann vor ca. 4 Jahren ein neues Medikament aufgeschrieben. Antikörper, die vorbeugend wirken, eine Spritze alle 4 Wochen, die ich mir selber injizieren kann. Und das hat ganz wunderbar funktioniert. Plötzlich hatte ich nur noch 1–2 leichte Anfälle im Quartal, und das ohne Nebenwirkungen. Aus diversen Gründen habe ich dann den Neurologen gewechselt. Dort bekam ich die Antikörper zunächst auch verschrieben, dann sollte ich eine Pause machen und sehen ob es jetzt ohne geht. Die Spritzen sind teuer und die Krankenkasse will das so. Die ersten Monate war es noch kein Problem, dann wurden die Anfälle langsam wieder häufiger und stärker. In diese Zeit fiel auch meine ADHS-Diagnose und ich habe angefangen ADHS-Medikamente zu nehmen.

Da laut meines Neurologen die Stimulanzien Kopfschmerzen und Migräne verursachen oder verschlimmern können, wollte er mir nun keine Antikörper mehr verschreiben. Erst müssten wir sicher sein, dass die Migräne nicht von den Stimulanzien kommt. Ich war mir sehr sicher, dass dies nicht der Fall ist, schließlich war ich schon an diesem Punkt bevor ich überhaupt wusste, dass ich ADHS habe.

Im Dezember hatte ich dann 13 Kopfschmerztage und meine Belastungsgrenze war überschritten. Da habe ich schon nicht mehr jeden Tag meine ADHS-Medikamente genommen. Zum Jahresbeginn habe ich mir dann vorgenommen, die Stimulanzien bis zum nächsten Termin bei meinem Neurologen komplett abzusetzen.

Für mich war das eine sehr emotionale Zeit. Natürlich möchte ich die Migräne in den Griff bekommen, aber wenn das nur ohne ADHS-Medikamente geht, dann wäre das auch nicht gut. Ich möchte gerne halbwegs gut funktionieren, ohne Migräne und mit der Hilfe von Stimulanzien. Mich für ein „Übel“ zu entscheiden, den Gedanken fand ich furchtbar frustrierend!

Aber wie war es nun in den 2 Wochen ohne Stimulanzien? Nach knapp einem Jahr hatte ich mich schon gut an die Wirkung gewöhnt. Manchmal habe ich mich gefragt, ob die Medikamente überhaupt noch wirken. Jetzt weiß ich: Ja!

Plötzlich habe ich wieder Wortfindungsstörungen. In Gesprächen fällt es mir schwer, richtig zuzuhören. Ständig bin ich auf der Suche nach irgendeinem Snack, nach Süßkram (mit Stimulanzien habe ich zum Glück weiter einen normalen Appetit, aber kein Bedürfnis mir ständig etwas in den Mund zu schieben). Viel häufiger als in den letzten Monaten stehe ich vor einem Schrank oder in einem Raum und frage mich, was ich hier eigentlich wollte. Springe von einer Tätigkeit zur nächsten. Hänge wieder viel zu lange am iPad. Im Kopf ist es deutlich lauter. Dinge zu erledigen fällt mir schwer. Entscheidungen zu treffen wird zur Herausforderung. Einfach anfangen auch.  Eigentlich alles wird wieder schwerer, und ich bin ständig unzufrieden mit mir selbst.

„ADHS-Medikamente machen abhängig!“ hört man ja auch immer wieder. Und das mag für neurotypische Menschen stimmen – nicht umsonst fallen ADHS-Medikamente unters Betäubungsmittel-Gesetz. Ich hingegen vergesse immer mal wieder meine Stimulanzien zu nehmen und wundere mich dann, warum der Tag so schleppend läuft und ich nichts auf die Reihe bekomme. Ab und zu gönne ich mir auch bewusst einen Tag, an dem ich nicht funktionieren muss und lasse die Medikamente weg. Auch an Tagen, an denen ich schon mit Kopfschmerzen aufwache. Es fällt mir deutlich schwerer auf Schokolade zu verzichten, als auf meine Stimulanzien.

Und was hat die Migräne in den zwei Wochen gemacht? Da merke ich ohne Stimulanzien keinen signifikanten Unterschied. Mit diesen Argumenten hat der Neurologe ein Einsehen und ich bekomme nicht nur mein Rezept für die ADHS-Medikamente, sondern tatsächlich auch ein Rezept für die Antikörper!

Jetzt, gut ein halbes Jahr später, sind die Migräne-Anfälle wieder nebensächlich geworden. 1–2 Mal im Monat ein leichter Anfall. Meistens brauche ich nicht mal mehr Akut-Medikation. Meine Lebensqualität hat sich dadurch deutlich verbessert!

Und ich kann besser einschätzen, was die ADHS-Medikation mit mir macht. Die Wirkung ist subtil, aber gleichzeitig verbessert auch sie meine Lebensqualität enorm. Es ist kein Wundermittel mit dem plötzlich alle meine Schwierigkeiten verschwinden, und ich funktioniere auch nicht wie jemand ohne ADHS, aber es hilft mir sehr, mich in einer Gesellschaft, die nicht für mich geschaffen ist, besser zurechtzufinden.

#IchLeideNicht | … oder doch? | #DisabilityPrideMonth

[Disa] Obwohl ich die Idee hinter dem Hashtag #IchLeideNicht gut finde und verstehe, spüre ich Widerstände. Ja, die Intention des Hashtags und auch die des #DisabilityPrideMonth unterstütze ich sehr. Es geht bei Pridemonths – und bei diesem hier erst recht – darum, die gesellschaftliche, die menschliche Vielfalt sichtbar zu machen und zu feiern, dass jedes Menschenleben genau gleich kostbar, wertvoll und lebenswert ist. Auch ein Menschenleben, das mit kapitalistischem Leistungsdenken nicht fassbar ist. Eins, das für manche Menschen, die sich als ‚ohne Behinderung‘ betrachten und den Wert von Menschenleben an deren Behinderungsgrad messen, weniger wert ist als ihr eigenes Leben.

Betroffene mit sichtbaren und unsichtbaren Behinderungen schreiben in ihren Posts zum Hashtag, dass sie weniger an ihrer eigentlichen Behinderungen als am gesellschaftlich anerkannten Ableismus, Behindertenbashing und den Barrieren im Außen und in den Köpfen anderer leiden. Gut finde ich das, wichtig und unterstützenswert. Und gern würde ich auch etwas schreiben, denn ja, ich bin auch behindert. Unsichtbarer als andere, aber doch, ja, meine Störungen gelten rechtlich und offiziell als Behinderungen. Und das deckt sich auch mit meinem Gefühl.

ADHS, Autismusspektrum und AuDHS haben in den letzten Jahren sehr an Akzeptanz gewonnen, gehören gar zu den cosy und trendy Störungen, die sich manche Influencer oder Alltagsmenschen gern umhängen, um sich ein wenig interessanter und anders darzustellen und um sich von der Masse abzuheben. (Hättest du wirklich ADHS oder Autismus, wärst du vielleicht nicht mehr ganz so lullifullihappy, denke ich oft, wenn ich solche Sprüche lese, etwa von unserer geilen Suuuperkraft … etc. Ich dagegen finde neurodivergent zu sein, weitestgehend anstrengend.)

Theoretisch also ist das So-Sein und das So-Sein-Dürfen in der Gesellschaft angekommen, jedenfalls wenn ich den öffentlich-rechtlichen Sendern, die ich mir regelmäßig anschaue, glauben darf. Dokus in allen Sendern klären auf, meist sogar ziemlich gut recherchiert und auch mit dem Ziel, mit Ableismus aufzuräumen. Und ja, wirklich, ich freue mich sehr, dass über Neurodivergenz gesprochen wird. Aaaaber.

Die Botschaft lautet leider irgendwie so: »Weil du so sein darfst, wie du bist, hast du keinen Grund (und impliziert: kein Recht!) mehr, zu leiden oder zu jammern! Jetzt ist doch alles gut!« Wenn es so einfach wäre.

Gerade Menschen mit unsichtbaren Behinderungen, die weniger an Dingen, die rollstuhlfahrende Menschen alltäglich stressen, leiden, sind in einer schwierigen Situation. Sie leiden zwar nicht am fehlenden Lift, da sie vielleicht eh lieber zu Fuß gehen, aber sie leiden dennoch. Und zwar unabhängig vom Draußen, sprich unabhängig von anderen Menschen. Vielleicht ist das Leid vom Prinzip her mit einem chronischen Schmerz zu vergleichen, nur dass es kein physischer Schmerz ist, sondern eine umfassende dauerhafte, inwendige Reibung am Alltagsleben.

Aber du darfst dich nun wirklich nicht beklagen, denn du kannst ja die Wohnung und das Haus einfach so verlassen, ohne auf eine Rampe angewiesen zu sein!

Kann ich das wirklich? Einfach so – das Haus verlassen? Nein, kann ich nicht. Schon gar nicht einfach so. ‚Einfach so‘ gibts bei mir fast nie. Bevor ich das Haus verlasse, muss ich mich darauf vorbereiten. Nicht nur physisch, also mit Rucksack packen und so. Ich brauche jedes Mal ein mentales Anlauf-Nehmen, bevor ich hinausgehen kann. Ich überlege vorher, was alles passieren und wem ich draußen begegnen könnte, denn jede Nicht-Vorsehbarkeit ist ein Stressor für mich. Alles, was ich mir vorher überlegt habe, ist im Bedarfsfall besser handzuhaben. Und wenn es nicht eintrifft, umso besser.

Du darfst dich dennoch nicht beklagen, denn du kannst ja einfach, wenn der Kühlschrank leer ist, einkaufen gehen.

Kann ich das – einfach so? Nochmals Nein: ‚Einfach so‘ einkaufen ist nicht. Einkaufen ist (fast) immer ein krasser Stressor für mich. Nach dem Herausgehen und Verlassen der Wohnung (siehe oben), weiß ich bereits bei der Einkaufsvorbereitung, dass viel Reiz auf mich zukommen wird. Der Lärm und das Gewusel anderer Menschen, all die Dinge in den Regalen, meine Liste, ohne die ich aufgeschmissen bin. Selbst mit Liste und Routine ist es Stress. Vor dem Einkauf (schon auf dem Weg in den Laden) müssen darum die Kopfhörer in die Ohren. Im Laden zwar ohne Ton, aber ich brauche diese Dinger als Lärmfilter. Im Laden sehe ich nicht das Ganze, ich sehe ein Haufen Details, die ich gedanklich zusammenschieben muss, Schritt für Schritt, Regal für Regal muss ich abscannen und suchen, was ich brauche. Von außen siehst du mir das nicht an, das passiert in mir drin. Nebst Einkaufswagenbefüllung ist darum immer auch das Reizmanagment eine Hauptaufgabe meines Einkauferlebnisses.

Aber trotzdem, echt jetzt, es gibt wirklich keinen Grund, zu jammern, schließlich kannst du ja als Autis*in und/oder mit ADHS einfach zur Arbeit gehen und dein eigenes Geld verdienen – andere Behinderte können das nicht!

Kann ich das? Einfach so? Ach, wäre das schön, aber wieder Nein! Auch Arbeiten ist nicht ‚einfach so‘ einfach. Ich hatte kaum eine Stelle, die halbwegs autismusfreundlich war. Viel zu viel Kommunikation, viel zu viele Reize, viel zu viele Menschen, viel zu viel Nicht-Vorhersehbares. Mir kam meine ADHS zugute, dank der ich Vieles kompensieren konnte und kann, aber eben: nicht alles und: der Preis war und ist hoch. Zusammenbrüche immer wieder, denn Kompensation ist purer Stress, macht müde, macht langfristig depressiv.

Nun ja, okay, aber dennoch, immerhin kannst du wenigstens am öffentlichen Leben teilhaben. Restaurants und Kinos, Hotels und öffentlicher Verkehr, alles da, du kannst … na ja, du könntest jedenfalls, wenn du wolltest … (du willst vielleicht nur nicht fest genug!)

Das mit der Teilhabe ist vermutlich für Menschen im Spektrum die größte Hürde. Denn ja, Fakt ist, dass der öffentliche Raum selten behindertengerecht ist, weder für sicht- noch für unsichtbare Behinderungen.

Mir ist der öffentliche Raum viel zu reizintensiv, Gerüche, Geräusche, Visuelles in großer Menge überfordern mich. Ab und zu kann ich raus in die Welt, aber immer, dauernd? Nein, das geht nicht. Und ja, da gibt es eine große gesamtgesellschaftliche Baustelle. Der öffentliche Raum sollte für alle Menschen ein sicherer Raum sein – egal ob behindert oder nicht-behindert. Davon sind wir weit entfernt.

Ich gehöre übrigens nicht zu jenen Menschen, die den Begriff Behinderung ausklammern, schönreden oder gar abschaffen wollen. Auch bin ich nicht der Meinung, dass es ausschließlich die Gesellschaft ist, die einen Menschen behindert und dass ein Mensch eigentlich gar nicht wirklich behindert ist. Natürlich lässt sich das nur von Mensch zu Mensch sagen,  aber ich denke trotzdem, dass Behinderungen – besonders auch die unsichtbarern – Fakten sind. Fakten, die Unterstützung möglich machen.

Das widerspricht meiner Meinung nach nicht der Tatsache, dass alle Hirne unterschiedlich sind, dass es die Diversität zu feiern gilt, dass im Spektrum zu sein eine von vielen Arten des Seins ist, keine Abweichung, nichts Pathologisches ist, sondern eine Spielart. Doch das Spektrum ist breit. Manche Diversitäten schaffen Lebensumstände, die sehr aufwändig sind, Pflege erfordern, der Unterstützung bedürfen.

Oder hochfunktionale, oft spätdiagnostizierte Autist*innen, die ein langes Leben mit Überanpassung, mit Masking, ihr Leben mehr schlecht als recht gelebt haben, brechen eines Tages zusammen. (Ich bin damit nicht allein.) Fakt ist: Leben im Spektrum ist anstrengend.

Behinderungen zu negieren und kleinzureden, erzeugt in dieser leider nicht idealen Gesellschaft noch mehr Leid und macht den Kampf (Schwer-)Betroffener noch unwürdiger, weil die zuständigen Stellen sich aus der Verantwortung stehlen können. Renten werden nicht gesprochen oder gestrichen … Nicht schön.

Jede Behinderung ist anders. Ja, nicht jede behinderte Person leidet im gleichen Maß. Doch was ist Leid denn überhaupt? Definiere. Persönliches und generelles, kollektives!

Geht nicht? Ja, es ist schwierig. Und inwieweit lässt sich Leid überhaupt verallgemeinern? Darf ich das? Ist nicht letztlich jedes Leid verknüpft mit der eigenen Wahrnehmung, mit der eigenen Geschichte, mit der eigenen Sozialisierung, dem eigenen Schmerzempfinden, der Einordnung von und der Haltung gegenüber Leid?

Manche körperliche Dinge machen mich – als Beispiel – weit weniger leiden als manche mentalen. Und umgekehrt. Meine Leidwahrnehmung ist nicht immer logisch und vorhersehbar.

Nächste Frage: Leide ich an meiner Neurodivergenz? Und würde ich an ihr auch dann leiden, wenn ich die mich gesellschaftlich einschränkenen Barrieren (Reizüberflutung z. B.) und die Intoleranz nicht-autistischer Menschen ausklammere?

Ja. Tatsächlich leide ich nach meiner persönlichen Leid-Definition an AuDHS. Nicht immer. Und vielleicht nicht so, wie es sich Menschen, die sagen, dass jemand an etwas leidet, es sich vorstellen. Aber zum Beispiel leide ich oft daran, dass ich so schnell erschöpft bin. Und dass ich deswegen zeitlich nur limitiert am Leben meiner lieben Menschen teilhaben kann. Auch daran, dass ich meine Routinen so sehr brauche, leide ich oft, denn es macht mein Leben schwerfällig. Auch dass mich Abweichungen stressen und ich nicht einfach so aus dem Nichts das Thema wechseln kann, wenn ich am Schreibtisch sitze, finde ich leidvoll. Oder dass mich Anrufe, selbst von Liebsten, aus der Ruhe bringen, dass ich immer etwas mit meinen Händen machen muss, um eine Art Ruhe zu haben. Etc. Ja, bei manchen Sachen ist natürlich der Kontext zur gesellschaftlichen Norm in meinem Leid mitdrin, klar, ich bin ja keine Insel. Aber ich finde es auch einfach für mich selbst oft extrem schwer auszuhalten, dass ich nicht sehr belastbar bin.

Und dann gibt es aber auch die andere Seite, die mein So-Sein tatsächlich feiert. Ich bin kein Trauerkloss, trotz all der Einschränkungen und dem Leid. Ich freue mich, wenn ich viel Zeit allein verbringen kann, in meine Spezialinteressen einzutauchen, forschen, recherchieren, schreiben, mich austauschen … Ich freue mich, wenn ich meine Routinen leben und es mir in meinem Leben ruhig machen kann.

All das – und noch viel mehr – macht mich aus. All das ist Teil meines Alltags und hat meinen Charakter von klein an mitgeprägt. Ich leide und ich leide nicht. Mein persönliches Leid lässt sich mit einer akzeptierenden Haltung besser handhaben. Wie jedes Leid. Doch damit geht der chronische Zustand nicht weg, nur macht es mir den Umganzg mit meinem So-Sein erträglicher. Ich bin, wie ich bin und ich bin unterwegs. Ich übe, ich scheitere und ich übe weiter.

Mehr Wissen darum, warum ich bin, wie ich bin hilft. Diagnotik hilft. Forschung hilft. Aufklärung hilft.

Artgerecht leben als Mensch im Spektrum

[Disa] Neulich haben wir im Fediversum darüber diskutiert, wie sich Menschen aus dem Spektrum eine ideale, artgerechte Umgebung so vorstellen.

Das hier kam dabei heraus:

Was wir selbst für uns tun können:
– uns selbst und unsere Bedürfnisse ernstnehmen
– Selbstfürsorge jeglicher Art praktizieren
– Alleinzeit-Bedarf einplanen und kommunizieren
– Regenerationsbedarf kommunizieren
– uns andern zumuten dürfen ohne in Frage gestellt zu werden, damit andere uns ernstnehmen können
– Rituale und Methoden finden, die uns helfen, uns zu entspannen (Natur, Sonne, angenehme Temperaturen, Tiere, Wandern, Stille, Kreatives etc.)
– eigene Strategien und Hilfsmittel entdecken (Hörbuch, Gewichtsdecke, etc.)
– Stimming zulassen statt unterdrücken
Fazit: Uns selbst respektiverend unsere Aktivitäts- und Ruhebedürfnisse so handhaben, wie es für uns gut ist, ohne uns zu vergleichen

Was andere Menschen für uns tun können:
– Die Bedürfnisse neurodivergenter Menschen ernstnehmen, akzeptieren und respektieren
– schriftliche Kontaktpflege der mündlichen und telefonischen ebenbürtig betrachten
– klar kommunizieren, direkt sprechen, statt um den heißen Brei herum und missverständliche Redewendungen vermeiden
– nicht ungefragt andere Menschen anfassen
Fazit: Ernstnehmen, respektieren und unterstützen der unterschiedlichen Arten zu sein

Was die Öffentlichkeit/Gesellschaft und Arbeitsgebende für uns tun können:
– Die Bedürfnisse neurodivergenter Menschen ernstnehmen, akzeptieren und respektieren
– mehr Selbstbestimmung ermöglichen, Terminplanung ebenso wie generelle Arbeitszeit
– schriftlichen Kontakt dem mündlichen und telefonischen als ebenbürtig erklären und ermöglichen
– Homeoffice und kleine Räume statt Großraumbüros
– Rückzugsorte, sowohl zeitliche als auch räumliche, ermöglichen und z. B. Powernap unterstützen
– Regenerationszeit fest einplanen
– Zuverlässigkeit gewährleisten, zu Aussagen und Abmachungen konsequent stehen
– Veränderungen rechtzeitig ankündigen
– klar kommunizieren, direkt sprechen, statt um den heißen Brei herum und missverständliche Redewendungen vermeiden
– sichere, reizarme, ruhige Umgebungen anbieten, weniger Dauerbeschallung im öffentlichen Raum
– zuverlässige Intrastrukturen wie ÖPNV und ÖV
– Genug Hilfeangebote und Therapiemöglichkeiten
– Genug Diagnostik-Angebote
– Mut zu Freundlichkeit statt ständiges Konkurrenzdenken
Fazit: Ernstnehmen, respektieren und unterstützen der unterschiedlichen Arten zu sein

Einkaufszentren, Läden etc.
– Stille Zeiten anbieten
– Berieselung und Lärm generell minimieren oder ganz weglassen
– Einkaufserlebnis durch immer gleiche Ordnung verbessern (entschleunigen, beruhigen)
– breite Gänge anbieten
Fazit: Ernstnehmen, respektieren und unterstützen der unterschiedlichen Arten zu sein

Mein #ADHS-Coaching Teil 9

Teil 9: Rückblick/Fazit/Ausblick > Pause

[Disa] Es ist Februar und ich habe schon im Voraus beschlossen, dass das heute meine vorerst letzte Sitzung bei Dr. ADHS sein soll. Zum einen habe ich inzwischen so viele Werkzeuge kennen gelernt, die ich anwenden lernen und vertiefen will, zum anderen stecke ich gerade in der Autismus-Diagnostik, die mir gerade sehr viel Aufmerksamkeit abverlangt.

Wir sprechen über Worstcases, denn einen Tag vor der Sitzung habe ich die letzte Kapsel aus der alten Kapselpackung genommen. Gerade rechtzeitig ist der Lieferengpass auch diesmal behoben worden und ich konnte die neue Packung in der Apotheke abholen. Von meinem Mittel gibt es noch kein Generikum und auch so ähnlich wirkende Mittel gibt es nur off label, also kann ich immer nur hoffen, dass es zukünftig keine Engpässe mehr gibt.

Anschließend sprechen wir über meine Autismusabklärung. Dr. ADHS war sehr interessiert, also erzählte ich ihr von meiner ersten Sitzung, wo es vor allem um eine sehr umfassende Anamnese im Gespräch ging. Zielführende Fragen und Antworten zu meinem Leben. Frau ADHS klang zuversichtlich, so, als werde diese Diagnose die für mich zutreffende sein.

Danach fasse ich das bisher im Coaching Gelernte und Verstandene zusammen, sage, dass ich mir inzwischen eine neue Art der Grundherangehensweise für Stressoren erarbeitet habe: Der erste Schritt ist die Wahrnehmung, das Mir-Bewusstmachen einer Stresssituation. Schritt 2 ist das Analysieren derselben und daraus, drittens, das Bilden einer Hypothese, die auf Erfahrungen basiert und mir hilft, das richtige Werkzeug zu finden, das in der jeweiligen Situation am besten passt. Damit ich die passende Entscheidung treffen und entsprechend handeln kann. So irgendwie, also zumindest theoretisch.

Wir versteigen uns einmal mehr in Theorien über das Hirn und wie der Präfrontale Cortex im Laufe der letzten anderthalb Jahre, die ich inzwischen schon mit meinem ADHS-Medikament lebe, gelernt hat, die vom Thalamus gesetzten Filter anzuwenden und sich vom limbischen System nicht mehr so sehr wie früher überfluten zu lassen … und wie sich vieles verändert hat …

Allmählich werden wir wieder persönlicher und ich formuliere mein Bedürfnis, weniger Coaching und mehr Praxis zu haben. Vielleicht sogar eine Gruppe Gleichgesinnter zu finden, offline oder online. Ich sage, dass ich eine Coaching-Pause möchte. Wir rechnen aus, dass meine neue Tablettenpackung bis im September reicht und machen unseren nächsten Termin im September.

Am Schluss ist es fast ein Abschied mit vielen guten Wünschen. Sie sagt, dass ich ja bald eine neue Diagnose habe. Als wäre sie sicher. Das tut gut, denn es wäre so gut, endlich zu wissen, was mit mir los ist.

Ich bin gespannt.

(Februar 2025)


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Was schwierig ist …

Eine meiner größten Herausforderungen ist der zwischenmenschliche Alltag

[Disa] Dieser neurodivergente Leben – bei mir ein Mix aus ADHS und Autismus – finde ich, ganz schön … ähm … spannend-anstrengend-herausfordernd-krass. Nur schon halbwegs passende Adjektive zu finden, überfordert mich. Wie mich überhaupt ganz vieles an meine Grenzen bringt, was in meinem Alltag passiert. Und eigentlich sind es vor allem, wenn ich genau hinschaue, die zwischenmenschlichen Dinge.

Bei mir, die ich alleine wohne, ist zum Beispiel Besuch wirklich sehr schwierig – und ich meine jetzt nicht die üblichen Verdächtigen wie meine Lieblingsfreundinnen oder der Liebste, denn diese Menschen gehören zu meiner Wahlfamilie.

Besonders anstrengend ist für mich Besuch aus der Herkunftsfamilie. Da ist so viel Unausgesprochenes und das, was lautstark ausgesprochen wird, wird auf eine Weise interpretiert, an der viele überholte Vorurteile und Altlasten kleben. Viele Jahrzehnte an Altlasten. Wenn dann die liebe C. sagt, nachdem ich sehr offen über meine Neurodivergenz gesprochen habe: »Du sagst aber dann schon, wenn es dir zu viel wird oder ist!«, ist das zwar lieb gemeint, aber genau das kann ich natürlich genau nicht und obwohl es längst zu viel ist, sage ich später auf Nachfrage nicht ehrlicherweise »ja, es ist mir zu viel«, sondern »nein, geht schon«. Ich will ja keine Spielverderberin sein.

Beim Essen bekomme ich kaum mit, was ich esse. Mit so vielen Außenreizen kann ich mich nicht auf meine eigene unmittelbare Wahrnehmung einlassen.

Es sind sooo viele kleine Einzelheiten, die mich beanspruchen, die mich reizen, die mich reizüberfluten, dass ich nicht hinterherkomme, mit einordnen, verarbeiten, verstehen, also lasse ich geschehen und beteilige mich, so gut es geht an den Gesprächen. Doch genießen geht anders. Für Genuss brauche ich viel innere und äußere Ruhe.

Selbst wenn alles eigentlich schön und gut und herzlich und offen und authentisch ist zwischen manchen Verwandten und mir, ist es ist es mir dennoch immer zu viel und zu anstrengend.

Ist der Besuch endlich weg,  ist es für mich wichtig, die Wohnung – und damit mich selbst – wieder in den Alltagsmodus zurückzuverwandeln, Wohnzimmer und Küche aufräumen und dergleichen mehr.

Neulich war ich nach einem Besuch so erschöpft, dass ich nach dem Aufräumen ausgeknockt aufs Sofa fiel und am liebsten alles weggeschlafen hätte. Doch der Lärm in meinem Kopf – »was hat sie gesagt oder hat sie es anders gesagt, was hat er gemeint, hat er es wirklich so gemeint?« – gab keine Ruhe. Also stöpselte ich meine Kopfhörer ein und öffnete mein aktuelles Hörbuch. Hörbücher erlösen mich oft aus der Denkspirale und dämmen sie ein. Tatsächlich bin ich sogar eingeschlafen, wenn auch kurz nur, und konnte mich ein wenig erholen.

Auch Spaziergänge in der Natur, gern mit Hörbuch oder Podcast auf den Ohren, helfen mir oft.

Was genau strengt mich eigentlich so an, wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin? Andere Menschen meint hier insbesondere solche, die laut sind, die schnell sind (ja, ich bin auch schnell, ich weiß), die dazu nicht Teil meines persönlich ausgewählten Wahlfamiliengefüges sind und/oder mit denen ich mich nicht regelmäßig austausche, wo also gegenseitiger Nachholerzählbedarf besteht. Auch die Menge macht es aus: Mehr als nur ein Gegenüber ist bereits herausfordernd für mich – wenn es sehr vertraute Menschen sind, geht zwei noch so – aber ab drei wird es schwierig.

Ja, was ist es denn? Kurz gesagt verliere ich, wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin, (ja, noch immer, trotz Medikament und Coaching) das Gefühl für mich und die Verbindung zu mir selbst.

Beispiele? Ich merke kaum, dass ich aufs WC muss, bis meine Blase fast platzt. Oder ich fühle und schmecke – wie schon gesagt – nicht, was ich esse, weil die Sinne überreizt sind. Vor allem aber kann ich nicht adäquat denken und reagieren, weil meine Sinne noch mit Verarbeiten all der Eindrücke auf allen Kanälen beschäftigt sind. Die anderen merken das wohl kaum, aber in mir drin ist dann eine wilde Auslegeordnung an Eindrücken. Wie eine, die bei einem Fest mit hundert Gäst*innen an der Garderobe ihre Jacke sucht, suche ich die ganze Zeit nach Fäden, um meine Gedanken zusammenzuhalten.

Ich werde von einer derartigen Kakophonie an Reizen überflutet, die es mir unmöglich macht, zu sortieren und zu priorisieren. Bevor ich mein Medikament (D-MPH) hatte, war es noch einen Tick krasser. Doch insbesondere in Stresssituationen merke ich von meiner im Coaching geübten neuen Fähigkeit zu priorisieren, wenig. Schließlich bin ich immer noch ich mit all dem jahrzehntelang Gelernten.

Zwar bin ich tatsächlich dank Medikamenten und Training heute mehr bei mir, doch trotzdem fühle ich mich fast immer aus meinem Gleichgewicht gebracht, wenn ich mit Menschen außerhalb meiner kleinen Blase interagieren soll. Ich glaube, das ist einer der Hauptunterschiede zwischen Neurotypischen und Neurodivergenten – oder vielleicht auch nur zwischen Nicht-Autist*innen und Autist*innen …

Viele Leute lieben und brauchen den steten Austausch und die Inspiration von außen, dieses Strom, dieses Zusammensein, dieses Hin-und-Her. Ich brauche ihn zwar auch – punktuell –, aber zugleich fürchte ich ihn, weil es eben schwer ist, ihn zu dosieren. Weshalb ich schriftliche Kommunikation so liebe.

Ich wünschte mir oft, dass es mir ebenso leicht fallen könnte, mich diesem Strom ebenso mühelos hingeben zu können, mich ebenfalls einfach so hin und her treiben und vom Gespräch mitnehmen lassen zu können, mich in Konversationen leicht und entspannt zu fühlen wie ein Großteil der Menschheit. Weil es doch das sogenannt Normale ist. Ich tue zuweilen versuchsweise so, als wäre es leicht, als würde ich es können … und manchmal gelingt es mir sogar ein wenig, aber Fakt ist, dass es mich praktisch immer mehr anstrengt als dass es mich mit Kraft erfüllt. Also nein, wirklich kein Gleichgewicht. Es geht mehr Energie raus als reinkommt.

Darum bin ich gern ganz – und/oder zu zweit mit Lieblingsmenschen – allein. Wenn ich die Wohnung in Richtung andere Menschen verlasse, ziehe ich die antrainierten Scheuklappen an – egal ob Arbeit, Besuche anderer, Supermarkt oder Thermalbad. Wenn ich die Scheuklappen öffne, das tue ich zuweilen ganz bewusst, versuche ich, ganz gezielt hinzuschauen, zu beobachten, zuzuhören statt mich dem Ganzen filterlos auszusetzen. So oder so brauche ich gleich darauf die Ruhe danach.

Für den konkreten Stressabbau während Stresssituationen hilft es mir, zwei Dinge gleichzeitig zu tun – zum Beispiel Malen oder Gamen und Hörbuchhören, oder Stimming und an einem Gespräch teilnehmen. Was für andere nach Überreizung klingen mag, hilft mir, mich zu sammeln. Mein ganzes System kann sich beruhigen, wenn ich auf die ausgewählten Sinne, die ich gerade bewusst bespiele, fokussiert bin.

Im neulich gehörten Podcast wird das übrigens erwähnt. Die in dieser Folge interviewte Frau beschreibt das ganz wunderbar bei Minute 12:45 (ungefähr). Ich bin offensichtlich nicht die Einzige, die das praktiziert.

Übrigens sind nur Schreiben und Lesen für mich quasi »freie Tätigkeiten«, da diese Tätigkeiten bei mir alle Sinne gleichzeitig beanspruchen und mich meistens sehr gut aus der Überreizungsspirale, in der ich mit fast dauerhaft befinde, herausholen.

Sagte ich schon, dass es ganz schön herausfordernd ist, in einer mehrheitlich normierten Welt, neurodivergent zu sein?

#AuDHS = #ADHS + #Autismusspektrum | Nachdenken über Schnittmengen und Gegensätze

[Disa] Als Kind bekam ich von meiner Tante M. ein Taschentuch für Zwillingsgeborene. Auch sie war Zwilling, ebenso meine Mutter und einer meiner Brüder, dem unsere Tante ebenfalls so ein Taschentuch schenkte. Weil ich Tante M. und ihre ansonsten pädagogisch wertvollen Geschenke mochte – die Matrjoschka und das Dalarna-Pferdchen habe ich sogar ins Erwachsenenalter gerettet –, zweifelte ich nicht an der Botschaft auf dem Taschentuch, leichtgläubig wie ich war. Also wuchs ich, dank Taschentuch, im Glauben auf, meine Zwiegespaltenheit in allen Dingen, die ich schon als Kind sehr bewusst wahrnahm, sei astrologisch vorherbestimmt. Der Text auf dem Taschentuch war da sehr eindeutig.

Heute weiß ich es besser. Astrologie ist Quatsch und meine Buntheit hat mit meinem So-Sein zu tun. Während der ADHS-Diagnostik erwähnte meine gute Dr. ADHS, dass manche meiner Testergebnisse auf Autismus hinweisen könnten. Sie kenne sich allerdings nicht gut genug aus, um das beurteilen zu können.

Noch habe ich keine Autismusdiagnose, die Warteschlangen zur Diagnostik sind lang. Ich hoffe, dass ich in einigen Monaten mehr weiß. Inzwischen habe ich mich selbst schlau gemacht und weiß daher, dass die Kombi Autismus/ADHS so selten gar nicht ist, ich nenne sie hier kurz AuDHS.

Seit einem Jahr nehme ich ein Medikament, das mein ADHS-Hirn unterstützt. Seither fühle ich die autistischen Symptome deutlicher. Ich empfinde sie quasi als freigestellt … Vorher haben sich die beiden Wesensarten gegenseitig überlagert und sorgten so für eine ziemlich anstrengende eingeschränkte Lebensqualität. Hott und Hü. Mit und dank Medikament erkenne ich die Prozesse in mir deutlicher, kann vieles besser handhaben und die Lebensqualität ist generell deutlich gestiegen.

Auf der folgendem Grafik fasse ich meine persönlichen Symptome zusammen. In der Mitte die Schnittmenge, in den zwei äußeren Spalten meine Symptome, die entweder der einen oder der anderen Diagnose zugehörig sind.

Meine Zwiegespaltenheit, siehe oben, hat also – so erkenne ich heute – mit den gegensätzlichen Kräften in mir zu tun. Ich habe die für mich gegensätzlichsten Kräfte farbig markiert. Neurodivergenz ist zwar bunt, aber oft ganz schön anstrengend.

Ich wünsche mir, das ich diese ganze Mélange weiter entspannen kann, noch mehr Druck herausnehmen. Noch weiß ich zwar nicht wie, aber ich übe weiter …

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Bildbeschreibung/Alternativtext unter der Grafik:
(Draufklick für groß)

Textgrafik, Text unter der Grafik lesbar

Die Grafik zeigt zwei Kreise. Der linke Kreis ist mit Autismusspektrum übertitelt, der rechte mit ADHS. Die Kreise haben eine Schnittmenge.

Der linke Kreis hat folgenden Inhalt:

  • Hoher Ruhebedarf,
    generell tiefes Stresslevel
  • Gern im Rückzug (Schneckenhaus/Kokon) | Regeneration am besten allein oder nur mit Partner | Natur hilft bei der Regeneration
  • Bemerken/Wahrnehmen kleiner Details, die andere nicht sehen
  • Hoher Bedarf an Struktur, Regeln, Routinen & Planung, Vorhersehbarkeit, Wiederholung, | Veränderung von Abläufen ist sehr stressig | Vorbereitung und klare Abmachungen sind wichtig
  • Berührung/Anfassen mancher Dinge wird als sehr unangenehm empfunden | (unangekündigtes) Berührtwerden ist unangenehm
  • Augenkontakt ist kein natürliches Bedürfnis
  • Oftmaliges Nichtverstehen von Ironie u/o sozialen Codes

Der rechte Kreis hat folgenden Inhalt:

  • (Innere) Hyperaktivität & Impulsivität
  • Grenzenlosigkeit/überbordende Grenzen
  • Hoher Stimulations- & Inspirationsbedarf
  • Exekutive Dysfunktion & Chaostendenz bei Umsetzung von Plänen & im Haushalt/Ordnung
  • Unterstimulation erzeugt Unkonzentriertheit und fördert Ablenkbarkeit und Fehlerbereitschaft
  • Zeitblindheit (auf einmal ist viel Zeit vergangen)
  • Motivierbarkeit bei uninteressanten Aufgaben sehr schwierig
  • Gleichzeitige Wahrnehmung von Ereignissen, was Priorisieren schwierig macht

Die Schnittmenge hat folgenden Inhalt:

  • Hyperfokus
  • Reizempfindlichkeit (Licht, Geräusche/Lärm, Geruch/Gestank, Berührungen)
  • Reduzierte Energiereserven
  • (Synästhesie & MirrorTouch)
  • Dauerhafte anstrengende Anpassungsleistung (Masking)
  • Ablehnungsangst/-empfindlichkeit
  • Soziale Ängste/Beziehungsfindung/-pflege
  • Stimming

Reisevorbereitungen mit #ADHS – Fazit

Nun ist die lange erwartete Reise schon längst Geschichte. Eine wunderschöne Reise war es, auch wenn nicht alles nach Plan gelaufen ist. Und ich habe – typisch ADHS – noch gar nicht berichtet wie der ganze Bürokratie-Kram ausgegangen ist. Dabei ist das schnell erzählt.

Kurzfassung: Niemand hat sich dafür interessiert.

Ich habe die Bescheinigung zusammen mit den Medikamenten im Handgepäck aufs Schiff gebracht ohne bei der Sicherheitskontrolle irgendetwas vorzeigen zu müssen. Unterwegs sind die Medis eh an Bord geblieben (und es gab nirgendwo Kontrollen wenn ich von Bord gegangen bin) und bei der Ausschiffung bin ich auch nicht vom Zoll kontrolliert worden. Hier hatte ich ehrlich gesagt die grösste Wahrscheinlichkeit für eine Kontrolle gesehen da der Zoll immer stichprobenartig Passagiere kontrolliert.

Würde ich bei einer ähnlichen Reise jetzt auf all den Papierkram verzichten? Nein, denn das ist mir dann doch zu riskant. Ohne entsprechenden Nachweis mit BTM erwischt zu werden kann richtig doof werden, und das möchte ich wirklich nicht erleben.

Für einen Wochenend-Trip mit dem Auto in die Niederlande habe ich trotzdem auf die offizielle beglaubigte Bescheinigung verzichtet. Ich habe ja auch noch meinen ADHS-Ausweis in dem bestätigt wird das ich auf diese Medikamente angewiesen bin. Ob das bei einer Kontrolle im Ausland wirklich gereicht hätte weiß ich nicht und ich will dieses Vorgehen auch niemandem empfehlen. Aber für 2 Nächte konnte ich mich nicht dazu bewegen den ganzen Aufwand (zeitlich und finanziell) durchzuziehen.

Mein #ADHS-Coaching Teil 5

Teil 5: Wie wir Konflikte und Ärgernisse als Chancen erkennen können  | Emotions- und Impulsregulation

[Disa] Nach der Sommerpause und zwei Sitzungen, in denen es mehr oder weniger um das Vertiefen des früher Besprochenen und um meinen Umzug gegangen war, komme ich dieses Mal erstmalig ohne wirklich brennendes Anliegen in die Sitzung. Ich blicke dankbar zurück auf all das, was sich bereits zum Besseren verändert hat, seit ich die Medikamente, die mir Dr. ADHS verschrieben hat, nehme und im ADHS-Coaching bin.

Ich habe im letzten Jahr viel Lebensqualität dazugewonnen, die Unterstützung durch das Medikament hat viel bewirkt. Ich erinnere uns daran, wie fremd sich am Anfang dieser Umstand, dass ich nicht mehr die ganzen vielen Reize wahrnehme, nicht mehr alles sehe, höre und mitbekomme, weil ich jetzt filtern kann, angefühlt hat. Dass ich auf einmal Grenzen habe, nicht mehr energiemäßig immer auslaufe und mitfühlend ständig über meine Grenzen fließe. Wie ich deswegen aber auch vergesslicher geworden bin, mir neue Merkstrategien aneignen musste … alles in allem, sage ich, fühle ich mich heute viel stabiler, die Außenhaut ist dichter geworden, ich habe keine Lecks mehr – zumindest viel weniger.

Welches denn all die Themen seien, die Dr. ADHS normalerweise in ihren Coachings bearbeite, will ich deshalb wissen.

Dr. ADHS zählt die Überthemen auf, die für ADHS-Betroffene oft Baustellen sind:

  • Motivation/Selbstmotivation
  • Impuls- und Emotionsregulation
  • Planung/Organisation
  • Zeitgestaltung
  • Kommunikation: die Dritten und das Umfeld

Es sei allerdings sinnvoller, die Themen nicht theoretisch abzuhandeln, sondern sie in den persönlichen Kontext zu stellen.

Bei den ersten beiden Themen habe ich aufgemerkt und mich sogleich an einen kürzlich erlebten Ausraster erinnert. Ich hatte wieder einmal mein Mittel weggelassen. Das tue ich hin und wieder, um den Unterschied bewusst zu spüren. Manchmal auch nur, wenn ich sehr müde bin und tagsüber auf ein längeres Nickerchen hoffe, was mit MPH eben nicht geht (wegen dessen Wachhaltefunktion). Ich nehme dann in Kauf, dass ich womöglich dünnhäutiger sein werde.

Wegen einer Bagatelle war es zu einem unschönen Wortwechsel mit meinem Partner gekommen, ich hatte ihn angeblafft. Kurz hatte es sich gut angefühlt, wie ein Ventil, das endlich Luft ablassen kann, dann aber vor allem beschämend. Früher war ich immer irgendwie (blöderweise) stolz auf meine Selbstkontrolle und Impulsunterdrückung gewesen, ohne mir bewusst zu sein, wie viel Energie ich damit fürs Maskieren des bedürftigen, sich zeigenwollenden Gefühls verbraten habe.

Heute sehe ich das anders. Ich will mich nicht ständig zusammenreißen müssen. Mein Partner ist zum Glück sehr geduldig und wir haben uns später ausgesprochen. Das Gespräch mündete bei mir in der Erkenntnis, dass ich in der erlebten Situation mehr Überblick gebraucht hätte.

Ich erzähle Dr. ADHS von dieser einen Situation, die exemplarisch für andere Momente steht, in denen ich zuweilen ausraste. Meistens sind es physische Dinge, die mich an meine Grenzen bringen. Etwas, das nicht funktioniert; etwas, das ich nicht kann, das mir nicht auf Anhieb gelingt; etwas, das zu lange dauert; etwas, das sich unagenehm anfühlt. Entweder dissoziiere ich dann kurz (früher mehr als heute) und/oder ich verfalle in eine Art (Warte-)Paralyse. Oder ich raste eben verbal kurz aus und schnauze jemanden an.

Ich fühle etwas und reagiere meistens unmittelbar. Das Fühlen an sich kann ich nicht steuern, doch es fühlt sich je nach Tagesform unterschiedlich an. Mal so, mal so. Mal bin ich gelassener, mal ist die Haut dünn. Steuern, oder besser übersteuern – also mit dem Verstand etwas ändern –, kann ich nicht das Fühlen, aber meine Reaktion (und manchmal auch Tagesform und Umfeld), weil ich mich nämlich ja nicht so (mies), sondern besser fühlen will. Gefühle sind immer schneller als Gedanken, das ist evolutionsbedingt, erklärt Dr. ADHS.

Ich habe in meinem Leben viele Erfahrungen gesammelt, habe Erfahrungswerte, weiß im Grunde, was hilft. Möglicherweise kann ich Situationen wie diese punktuell entschärfen, in dem ich vor dem sich anbahnenden Ausrasten kurz aus dem Raum gehe. Oder auf 10 zähle … etc. Generell hilft es nicht, die Gefühle zu ignorieren, sondern sich nach Lösungen umzuschauen.

Im besagten Beispiel ging es um etwas, das mich physisch störte. Doch »das stört mich!« zu sagen – wie nett auch immer – ist natürlich keine Lösung, sie erzeugt nur Schuldgefühle und bringt nicht weiter. Ich will und kann meinen Partner nicht ändern, er ist genau so genau richtig. Ich auch. Take it or leave it, heißt es schließlich, nicht Take it or change it.

Wichtig aber ist, dass ich zu meinen Bedürfnissen stehe und stehen darf. Wie sähe es also aus, wenn wir uns nicht nur nach einem Kompromiss, sondern sogar nach einer Win-Win-Lösung umsähen? Was brauche ich? Was wäre auch gut für meinen Partner?

Dr. ADHS schlägt mir etwas ganz Konkretes vor, etwas materiell Machbares (auf das ich theoretisch auch selbst hätte kommen können) und ich bin extrem angetan von ihrem Vorschlag, zumal er relativ leicht umsetzbar ist. Wäre doch jedes Problem so leicht lösbar. Es ist ein Beispiel, das mir Mut macht. Mut zur Akzeptanz von Bedürfnissen, von Grenzen, von Alternativen. Auch das bedeutet verantwortungsbewusst zu leben.

Ausgangslage ist oft ein Ärgernis, es ist mit einem körperlichen Schmerz vergleichbar, der uns auf eine mögliche Schwachstelle des Körpers aufmerksam macht, um die wir uns kümmern sollten. Das Ärgernis lässt sich nicht immer einfach wegmachen, es verlangt unsere Aufmerksamkeit, unsere Hingabe. Das ist ein wichtiger Moment, der uns zur Suche von Lösungen bringt und zur Verbesserung der Umstände. Im Idealfall sogar zu mehr Lebensqualität.

Abschließend sprechen wir über das jeweilige Lebensglück. Ich bin nicht – durch Selbstverzicht zum Beispiel – für das Lebensglück, das Wohlergehen und die Bedürfnisse meines Partners hauptverantwortlich, er nicht für meins und meine, dennoch wollen und können wir uns gegenseitig Gutes tun. Die letzte Verantwortung haben wir jedoch immer nur für uns selbst.


Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

Alle Teile

Fortsetzung folgt

Was bei #ADHS helfen kann | Medikamente nehmen Teil 4

[Disa] Wie ich mich jedes Mal nerve, wenn ihm TV Mist über ADHS verbreitet wird! In einer Serie, die ich gestern geguckt habe, wurde eine ADHS-Betroffene wegen ihrer Ritalin-Sucht behandelt. Es wird gezeigt, wie sie am Abend heimlich und verstohlen eine Tablette nimmt. Sie müsse diese Sucht unbedingt aufgeben!, sagte die Ärztin später zu ihr. Sie müsse lernen, ohne diese Droge zu leben.

What a f*ck! Sorry, aber bei so viel Mist werde ich leicht ungehalten.

Dass Methylphenidate (MPH) wie Ritalin und Co. von Nicht-ADHS-Betroffenen als Droge missbraucht werden, ja, oke, verstehe ich. Aber dass ADHS-Betroffene freiwillig überdosieren? Ne, glaub ich jetzt eher nicht. Bei uns ist die Wirkung ja genau umgekehrt. Durch das Endlich-Genug-Dopamin werden wir konzentriert und fokussiert, endlich weniger hibbelig, während ein Zuviel – wie ich später noch erzählen werde – ähnlich unangenehm ist wie ein Zuwenig.

Leider wissen viele Drehbuchschreiber*innen offensichtlich nicht, dass MPH keinen Pegel erzeugt, wie es die meisten(?) Psychopharmaka vermutlich tun. MPH dagegen ist in maximal zehn Stunden wieder raus aus dem Körper. Ich habe im Laufe der Zeit bei mir beobachtet, wie lange das MPH bei mir wirkt und habe eine etwa 6-8 stündige Wirkzeit erkannt. Auch geht es mir defintiv besser, wenn ich das Mittel relativ bald nach dem Aufstehen nehme.

Im folgenden Text fasse ich meine Erkenntnisse aus meinen letzten beiden Sitzungen, in denen es um das Eindosieren und Finden meiner persönlichen Dosis ging, zusammen. Ich möchte mit dem Teilen meiner Erfahrungen so gern die ganzen Vorurteile über ADHS, die im Umlauf sind, aufheben.

Natürlich ist so ein Mittel – wie letztlich jedes Medikament – ein Eingriff in mein System. Manche Menschen reagieren mit starken Nebenwirkungen. Bei mir traten als Nebenwirkungen wiederholtes Verspannungskopfweh, Mundtrockenheit und Pickel auf. Alle drei können von Methylphenidat (MPH) ausgelöst werden.

Für das Kopfweh empfiehlt mir Dr. ADHS, hochwertiges und hochdosiertes Magnesium einzunehmen. (Was, wie ich im Rückblick nach zehn Monaten sagen kann, bestens funktioniert. Das Kopfweh hat sich wieder normalisiert, heißt, ich habe es ähnlich oft oder selten wie vor der Medikation.) Fakt ist, dass MPH dem Körper mehr Spannung beschert. Dagegen hilft Magnesium meistens gut. Doch wer langfristig hochdosiertes Magnesium einnimmt, sollte unbedingt auch auf genügend Calcium achten, da sonst die Knochensubstanz angegriffen werden kann. Der Abend sei für Magnesium die beste Einnahmezeit, weil es ja zur Entspannung und Entkrampfung beitrage, sagt meine Ärztin. Was ich zwar nachvollziehen kann, aber die Verspannungen, die das ADHS-Mittel macht, spüre ich ja vor allem tagsüber. Ich werde es wohl so halten, dass ich am Morgen und am Abend etwas nehme.

Einmal jährlich soll gecheckt werden, wie mein Körper mit dem MPH klarkommt, Blutbild, Blutdruck etc.. Gut zu wissen!

Ich habe Glück, dass ich mein Mittel so gut vertrage. Die Pickel haben sich – so kann ich glücklicherweise im Rückblick sagen – wieder verkrümmelt, nachdem ich die richtige Dosis gefunden hatte. Mit der Mundtrockenheit habe ich zu leben gelernt, ich trinke öfter.

Kurz gesagt: Die positiven Effekte überwiegen bei mir definitiv. Ich habe deutlich mehr Lebensqualität und weniger Leidensdruck. Meine Wahrnehmung der Unterschiede – Leben mit und ohne das Medikament – ist immer facettenreicher geworden. Ich habe mehr Bewusstsein für mich und meine Grenzen. War ich vorher grenzenlos, spüre ich mich inzwischen immer besser. Auch bin ich nicht mehr die, die immer alles überblickt, mitbekommt, wachsen hört, sieht und wahrnimmt. Jetzt bin ich auch mal die, die nicht mehr weiß, wo die Schlüssel liegen. Ich kann nicht mehr alles vorausahnen und überblicken, sondern muss mir jetzt Strategien überlegen, damit ich die Dinge nicht vergesse.

Ich sage meiner Ärztin, dass ich zwar zufrieden bin, nur gern weniger hibbelig wäre. Viel ist besser geworden, aber die Hibbeligkeit mag ich nicht. Müsste die denn nicht endlich weniger werden? Statt früher 15 Kanäle, die mich gleichzeitig bespielen, habe ich inzwischen nur noch etwa 5-10, mir wäre lieber, es wären noch weniger, sage ich.

Wir überlegen, dass ich testweise die Dosis leicht erhöhen könnte, was ich schließlich die nächsten Tage tue, aber bald merke, dass ich die positiven Eigenschaften zwar immer noch wahrnehme, mich jetzt aber irgendwie abgehoben, abgeschnitten, unempathisch, fast zu sehr nur auf mich fokussiert fühle. Und – vor allem – jetzt sogar noch hibbeliger geworden bin.

Also mache ich genau das Gegenteil: ich verringere die Dosis. Die Kapseln lassen sich ja sehr gut öffnen. Ich experimentiere, bis ich nach und nach die richtige Dosis, die Hälfte der Anfangsdosis, finde. Da habe ich nun alle Benefits und endlich ist die Hibbeligkeit weniger geworden. Und die Pickel sind auch Geschichte.

Diese Phase mit der Überdosierung war schlimm – und doch erhellend und somit notwendig, um die Wirkung von MPH zu begreifen. Ich habe mich mir fremd gefühlt und für mich erkannt, dass sowohl zu wenig als auch zu viel Dopamin schwierig sind. Die richtige Dosis findet sich auf einem sehr schmalen Weg. Auch wenn es bei mir schließlich eine relativ kleine Dosis ist, macht sie doch, so im Rückblick, einen gewaltigen Unterschied in der Wahrnehmung meiner Innen- und Außenwelt.

Mit meiner eher kleinen Dosis bin ich übrigens nicht allein, die Wohlfühldosis ist tatsächlich sehr individuell. Und je älter eine*r ist, desto weniger Dopamin-Transporter hat sie*er, also braucht eine*r je älter je weniger Dopamin, um das gewünschte Level zu erreichen.

Es ist ein tolles Gefühl: endlich bestimme ich. Ich kann wählen. Ich muss nicht, aber ich kann. Ich sammle jetzt Erfahrungen und ich darf auch mal danebenhauen. Das darf sein. Ich werde im Laufe der Zeit fühlbar selbstsicherer, weil ich nun selbst bestimmen kann.

Das alles ist nicht nur ein kognitiver Prozess, ein Verstehen im Kopf, es geht vor allem auch darum, das alles zu fühlen. Die langfristigen Verhaltensveränderungen, die ich herbeiführen will, sollen besonders auch auf der Fühlebene passieren.

Eine Beobachtung, die ich erst allmählich mache:
Meine Tagesmüdigkeit ist fast ganz verschwunden. Das hat zwei Gründe: 1.) Die Substanz ist nicht nur ein Dopaminbooster, sondern eben auch ein etwa zehn Stunden wirksamer Wachmacher, was jedoch nicht bedeutet, dass ich zehn Stunden lang einen hohen Dopaminspiegel habe (dieser hält sich, je nach persönlichem Stoffwechsel und gewähltem Medikament, 4-8 Stunden).
2.) Ich bin nun abends, da ohne Nickerchen tagsüber, viel müder, so dass ich, wenn Wachmacher und Dopaminboost wieder aus dem Körper raus sind, entsprechend (meist mit Melatonin) richtig gut schlafen kann. Nicht immer, aber immer öfter.

Inzwischen habe ich deutlich mehr Selbstvertrauen in mich und meine Instinkte, Gefühle und Wahrnehmungen gefunden. Das freut mich sehr.

Ich empfinde mich …

  • innerlich ruhiger
  • weniger (schnell) müde
  • ausdauernder
  • weniger schnell genervt und gereizt
  • positiver/optimischer

Abschließend zeigt mir Dr. ADHS auf einer ihrer Textgrafiken, wo genau was passiert:

  • Das limbische (Belohnungs-)System reagiert auf genug Dopamin mit »innerlich ruhiger«
  • Der Thalamus kann wegen genug Dopamin Reize besser abschirmen und lässt mich mich »weniger (schnell) müde« fühlen.
  • Im Präfrontalen Cortex geschieht durch genug Dopamin, dass ich entscheiden kann und will, »positiver« zu sein.

Während ich mit zu wenig Dopamin vieles automatisch mache, geht es neu darum, die Dinge bewusst zu tun. Das erklärt auch meine neue Vergesslichkeit. Vorher hat sich mein Hirn herumliegende Dinge automatisch gespeichert, weil ich keine Filter hatte und alles unpriorisiert wahrnahm, doch darauf kann ich nun irgendwie nicht mehr zugreifen. Gefühlt ist es manchmal wie eine noch fast leere Festplatte ohne Dateirn oder ein anderes neues Betriebssystem, das ich erst kennenlernen muss …

»Das Hirn ist bis ins hohe Alter beweglich«, sagt Dr. ADHS sinngemäß, »und hocheffizient. Wenn ich davon überzeugt bin, dass ich etwas nicht mehr kann, werden jene Areale »geschlossen« und das Hirn, die Hirntätigkeit, wird dort eingestellt. Aktiviere ich das Hirn aber ständig, indem ich Neues lerne, bleiben alle Bereiche im Hirn aktiv. Use it oder lose it. So arbeitet das Hirn«.

»Sie tun schon viel, Sie haben bereits viel getan«, sagt sie, als ich von meiner Erfahrung mit meiner mir in den Phasen der Überdosierung beinahe abhanden gekommenen Empathie spreche. »Die Empathiefähigkeit gehört zu Ihnen, ist Teil Ihrer Persönlichkeit. Sie ist nicht nur wegen mehr oder weniger Dopamin aktiv, Sie können sie steuern. Neu werden Sie nicht mehr überflutet und daran müssen Sie sich gewöhnen. Jetzt ist das noch neu, aber irgendwann wird das Ihr neues Normal sein.«

Ich habe es jetzt endlich selbst in der Hand und bin nicht mehr den Fühlfluten ausgeliefert.


Teil 1
Teil 2
Teil 3

Ende