Leben machen – Teil 16, Überraschung

[Janne]
Um 8 war der Termin in der Klinik.
Zyklusmonitoring, Teil 2. Blut, Ultraschall und eine neue Ärztin.
Darauf war ich vorbereitet. Wusste, dass ich kurz vor 5 dafür aufstehen und duschen musste und knapp 2 Stunden mit meinem Auto, dem Zug und der Straßenbahn unterwegs sein würde. Nüchtern.

Diesen Routinenbruch habe ich in der letzten Woche bereits geübt. Mir hilft es, wenn ich unübliche Abläufe in ihrer Unüblichkeit vorher dadurch abflache, dass schon die Tage vorher unüblich laufen, aber von mir selbst so geplant. Ich habe mir den Wecker anders gestellt als sonst. Habe die Reihenfolge der Morgenroutine verändert und den Tag nach der Untersuchung nicht mit Arbeit strukturiert, sondern mit Tätigkeiten, von denen ich weiß, dass sie wenig von mir fordern und mir im Allgemeinen guttun. Wenn ich mich gut gefühlt hätte, hätte ich arbeiten können.

Mein Körpergefühl ist manchmal nicht vorhersehbar für mich. Es könnte sein, dass ich von meiner Nüchternheit nichts spüre – es könnte aber auch sein, dass ich ausschließlich das spüre und dann nichts anderes mehr kann.
Früher hatte ich deshalb für solche Nüchtern-Termine eine Assistenzperson an der Seite. Wenn ich nur noch Schwindel, Magenschmerz und Zittrigkeit spüren kann, bekomme ich Angst und die dreht das ganze Sensorik-Drama noch eine Stufe rauf. Der Overload kommt dann schnell und mit ihm die Regression. Ich kann mich nicht mehr orientieren, kriege selbst gewohnte Abläufe nicht mehr in die richtige Reihenfolge. Um Hilfe bitten funktioniert dann auch nicht mehr – ich kann dann nicht mehr sprechen.
Inzwischen habe ich so eine Assistenz nicht mehr. Ich brauche sie einfach zu selten. Die Erwartung ist implizit, dass mir mein Mann die Unterstützung gibt. Ob ich das möchte oder wie er diese Leistung mit seinen Arbeitszeiten verbinden soll, wird so zu unserem Problem.

Ich muss da also allein durch. In meiner Tasche, meinem Rucksack und meinem Geldbeutel ist in der Hülle von meinem Personalausweis und meinem Schwerbehindertenausweis ein Zettel mit Informationen für Ersthelfer*innen. Sollte ich dekompensieren, lande ich mit Glück gar nicht erst im Krankenhaus, sondern in irgendeiner ruhigen Ecke bis mein Mann oder ein Taxi für mich kommt.

An diesem Tag habe ich erst etwas von der Nüchternheit gespürt, als ich die Veränderung in meinem Uterus sah und warten musste, bis die Ärztin etwas dazu sagte. „Sehen Sie das da? Das ist ein Polyp.“ Sie rührte ein weiteres Mal mit dem Gerät in meinem Körper herum. „Damit werden sie nicht schwanger.“
Und dann zeigte sie mir meinen wunderschönen Riesenfollikel. Meine toll aufgebaute Schleimhaut. Wie alles super ist. Außer dass da etwas gewachsen ist, das eine Einnistung sehr erschweren kann.

Weil ich so weit weg wohne, hat mich die Ärztin in ihren Plan gequetscht.
Ich solle erst einmal etwas essen und trinken und in einer Stunde wiederkommen.
Dass die Ärztin mich über eine Operation aufklären wollte und ich dafür wiederkommen sollte, habe ich erst dann gemerkt, als sie es knapp zwei Stunden später tat. Mit einem Termin Ende Februar und vielen Zetteln voller Text und Fragen.
Ich muss entscheiden, ob ich nur den Polypen entfernen oder bei der Gelegenheit auch gleich alles untersuchen und biopsieren lasse, was geht. Eileiterprüfung, Killer- und Plasmazellen, Endometriose. Wir verlieren eh einen Zyklus, wie viel Erkenntnis will ich im Gegenzug dafür? So erscheint mir diese Entscheidung.
Ich habe alles unterschrieben und über nichts davon nachgedacht.

Bei mir war noch nie ein Polyp oder Ähnliches gewachsen. Es war immer alles in Ordnung. Aus dem erwarteten Ultraschall-Ergebnis ist ein unerwartetes geworden.
Das verarbeitend saß ich dann im Zug nach Hause, immer die Uhr im Blick, denn ich sollte noch einmal wegen der Blutergebnisse anrufen.
Am Bahnhof stellte ich mich in die Sonne, um dem Besetztzeichen zuzuhören. Mir war nicht mehr wirklich klar, was sie mir über mein Blut jetzt noch Relevantes mitteilen könnten. Wenn ich „damit nicht schwanger werde“, dann kann mir mein LH-Wert, der Wert zur Bestimmung des Eisprungs, ja auch völlig egal sein.
Tatsächlich ist der LH-Wert super zum Leben machen – mein Langzeit-Blutzuckerwert ist es hingegen weiterhin nicht. Der war vor einem halben Jahr, einer Ernährungsumstellung und 15 Kilo mehr schon erhöht. Das also auch noch.
Ein neuer Arzt. Ein weiterer Routinenbruch. Neue Herausforderungen.

Ich habe an dem Tag nicht mehr gearbeitet. Ich war dumpf mit dem Hund draußen. Habe mit Freund*innen telefoniert und meine*n Hebammenfreund*in kontaktiert. Meinem Mann alles erzählt und mich besser gefühlt, als er mich getröstet und ermutigt hat.
Ich muss noch herausfinden, was mich im Moment mehr belastet – die Überraschung oder das neue Wissen oder die Aussicht auf ein weiteres schwieriges Gesundheitsthema.
Oder dass es sehr wahrscheinlich wieder nichts wird.

Leben machen – Teil 15, Ablenkung

[Janne]
Heiligabend saß ich auf der Couch und raunzte meinen Mann an, er müsse auch mal akzeptieren, dass er mich nicht ablenken kann. Auch nicht mit schönen Dingen an schönen Tagen.
Ich war wieder nicht schwanger, mein Zyklus hatte 25 Tage. Das war unvorhersehbar und entsprechend unerwartet. Morgens hatte ich bereits negativ getestet und zwanzig Minuten geweint. 3 Stunden später setzte die Blutung ein, als würde meine Gebärmutter mitweinen.

Nach der ersten Trauer baute sich die nächste Welle auf. Das Zyklusmonitoring. Auch das würde damit nicht passend beginnen können. Zyklustag 3 bis 5 waren Feiertage bzw. Wochenende und die Klinik bis Neujahr zu. Der nächste Zyklus vertan, der nächste Monat doomed.
Für mich war das wie eine Dominokette into darkness. Die nächste Herausforderung, das nächste Warten, das nicht abgekürzt werden kann. Der nächste Moment, in dem der bis heute ungelinderte Frust über die Wartezeit, die ich schon vor dem aktiven Lebenmachen hatte. Die 3 Jahre, die ich auf meinen Mann gewartet habe, bis er endlich bereit war. Und dann noch das eine Jahr, das wir wegen der Pandemie gewartet haben.

Ich weiß, dass langem Warten nicht zwangsläufig das schnelle, große Glück folgt. Aber schön wärs und gerne hätt ichs.

Mit meinem Wartefrust habe ich meinen Mann noch nie konfrontiert. Von meiner Sorge, es könnten diese 3 Jahre gewesen sein, die die letzten waren, in denen es für mich überhaupt noch möglich war, ohne großes Tracking, Messen und Umstellen von irgendwas im üblichen Zeitrahmen schwanger zu werden, will ich ihn fernhalten.

Ich will ihm keine Schuld geben, aber der Grund fürs Warten war nun einmal etwas, das bei ihm lag und nicht bei mir. Wir hätten schon ein Kind haben können, als COVID-19 ausbrach, und das macht mich traurig. Und wütend. Und frustet so sehr.
Andererseits war es für viele Menschen mit Kleinkindern in der Pandemie und auch noch direkt danach richtig scheiße. Wer weiß. Hätte würde wenn, hättste könnste wennste – egal. Es ist jetzt, wie es ist. Aber ein Fan muss ich deshalb nicht davon sein.

Die Selbstregulierung in solchen Momenten ist schwierig für mich.
Es fällt mir schwerer als sonst, Audio zu verstehen – in solchen Momenten von hoher Erregung ist es für mich, als würden Menschen sehr lange Worte sagen, die ich nicht kenne. Und selbst wenn ich die Wörter verstehe, dann ist meine Übersetzungsfähigkeit für ihren Sinn im Kontext der Grammatik und des Gesprächs selbst massiv eingeschränkt. Man kann nicht gut mit mir reden in diesem Zustand. Gebärden, schriftlicher Chat, konkretes Zeigen (Vormachen) funktionieren besser.
Mein Mann vergisst das manchmal. Für ihn ist das keine intuitive Lösung.
Und so erfuhr ich ein Liebesbombardement der Ablenkung an dem Tag. Vielleicht, vermutlich, einigermaßen wahrscheinlich auch, weil er das brauchte.

Ich hingegen brauchte das nicht. Ich brauchte einen neuen Plan. Und Trost. Einen Spiegel für meine Trauer und Enttäuschung. Verständnis und Bedauern über den Umstand, dass wir nicht nur einen, sondern zwei Zyklen verlieren. Denn das ist ja auch Teil des Zyklusmonitorings – da passiert keine Behandlung, nur Beobachtung und direkt danach wird ja (wenn überhaupt) auch keine IVF passieren, sondern dessen Vorbereitung.

So ist es insgesamt ein Vierteljahr, das wieder einfach so vergeht. 3 Mal zweifelhaftes Supplementezeug kaufen, 3 Monate Ovulationstests, Schwangerschaftstests, 3 Monate kein Doping mit Cola (was für manche vielleicht lächerlich klingt, aber für mich mit meinem Workload wirklich das ist, was mir eine pünktliche Abgabe oder Tage mit vielen Besprechungen ermöglicht). 3 Monate, in denen jeder Monat eine Woche Warten auf den Eisprung, 2 Wochen Warten auf einen Test und eine Woche Trauer, mit der niemand groß belastet oder konfrontiert werden soll, bedeutet.

Das ist ein Vierteljahr, das natürlich auch noch viele andere Dinge innehaben wird – es werden sicher auch tolle Dinge passieren. Aber mein Kinderwunsch ist jeden Tag da und jeden Tag tue ich etwas, um ihn zu erfüllen bzw. wahrscheinlicher zu machen, weil ich das muss. Tue ich das nicht, wird es nichts. Ein „Ach scheiß drauf, jetzt mache ich mal was anderes“, kann einfach alles ruinieren, was ich vorher aufgebaut habe. Also scheiße ich nie drauf. Lasse mich nie ablenken. Bleibe immer dran und halte die Disziplin aufrecht.
Wahrscheinlich hilft mir mein autistisches Gehirn dabei sehr. Dennoch geht es dabei nicht nur darum, wie mein Gehirn funktioniert, sondern auch darum, dass ich mich dafür entschieden habe.

Wenn mein Mann mich ablenken will, dann ist das für mich, als wolle er mich umstimmen. Als wolle er auf ein Mal nicht mehr. Was für mich der absolute Super-GAU wäre. Entsprechend scharf werde ich in solchen Momenten.
Mir ist egal, wie sein Umgang mit der Enttäuschung ist. Er kann sich gerne ablenken und die Trauer vermeiden. Ich möchte nicht die Kraft aufbringen, sie zu vermeiden. Ich brauche sie für andere Dinge.