Was bei #ADHS helfen kann | Elvanse und ich

[Disa] Nun teste ich also schon mehr als zwei Wochen, wie ich mit Elvanse klarkomme.

Am ersten Tag, mit 5 mg, fühlte ich überhaupt nichts. Außer Bauchweh und Herzrasen. Aber beides hatte ich schon am Vortag gehabt, von daher keine eindeutigen Nebenwirkungen.

Da ich mit Dr. ADHS so verblieben war, dass ich selbst auf 10 mg hochdosieren kann, wenn ich das Gefühl habe, dass 5 mg zu wenig wirkt, erhöhte ich am zweiten Tag auf 10 mg und fühlte die Wirkung, die ich mir erhofft hatte, sehr deutlich. Ein ruhiger klarer Kopf, nicht total ruhig, aber ich erlebe mich mit Elvanse wieder klar und fokussiert.

Du fragst dich, wie ich so eine kleine Dosis hinbekommen habe, wo es doch nur Packungen mit größeren Dosen gibt? Da die kleinste Kapselfüllung in der Schweiz mit 20 mg für mich definitiv zu hoch ist (in D ist sogar 30 mg die niedrigste Dosis), hätte ich ohne kleinere Dosierung keine Chance, mit dem Mittel glücklich zu werden. Da es auch anderen so geht, hat mich meine Ärztin genau instruiert, was ich tun kann.

Tatsächlich sind diese großen Dosen an den Bedürfnissen vieler Nutzer*innen vorbei gedacht (mehr dazu später), weshalb es sich empfiehlt, mit kleineren Dosen anzufangen und bei Bedarf auch zu bleiben¹.

Da ich, wie früher schon geschrieben, bereits bei meinem MPH-Medikament nur die Hälfte der kleinsten Dosis gebraucht und deshalb den Kapselinhalt halbiert hatte, bin ich darin geübt, Kapseln zu öffnen und zu halbieren. Für die 5 mg-Kapseln halbierte ich den bereits halbierten Inhalt ein zweites Mal. Weil das Material pulverförmig ist, ist das allerdings weniger einfach. Besser geht es mit ausschütten: Auf eine Glas- oder Kunststoffplatte ausleeren und mit einer Rasierklinge entsprechend große Häufchen machen ist die eine Option. So habe ich es mit den ersten Kapseln gemacht. Da ich viele Leerkapseln habe, füllte ich die Häufchen wieder in Kapseln um. Das ist natürlich nicht nötig, denn der abgemessene Inhalt kann auch einfach in Wasser geschüttet werden. Danach habe ich mir die Spritzenmethode¹ angeschaut und mache es nun für mich so, denn damit lässt sich noch feiner dosieren. (Quelle/Details siehe unten.)

Nach 5 Tagen mit 10 mg und zwei Pausentagen, in denen ich den krassen Unterschied sehr gut feststellen konnte, bin ich inzwischen bei 8 mg gelandet. Noch teste ich, vielleicht werde ich – da jetzt das Herzrasen weg ist – nochmals 10 mg probieren. Wenn ich die richtige Dosis gefunden habe, wird meine Apotheke das Mittel in der richtigen Dosis für mich neu verkapseln.

Was ich an Elvanse mag, ist die Fokussiertheit und innere (relative) Ruhe. Tatsächlich kann ich nun wieder länger an einer Aufgabe sitzen, ohne mich ständig ablenken zu lassen. Oder so: Ich lasse mich zwar ablenken, aber ich kann auch gleich wieder zurückkommen und kann dort weitermachen, wo ich aufgehört habe – ohne groß überlegen zu müssen. Ich kann wieder bewusst ausblenden, was ich nicht zu wissen brauche und nehme dadurch wieder weniger Dinge wahr, oder weniger stark. Es ist allerdings bei mir eine andere Art von Filter als bei MPH, die ich noch nicht so genau beschreiben kann. Mein Kopf ist inwendig klarer. Ich denke aber immer noch sehr viel und auch vieles gleichzeitig, vielleicht sogar noch schneller als sonst, aber nicht mehr so chaotisch, mehr in parallelen Bahnen als in sich überlappenden.

Auch mit Elvanse bin ich immer noch ich. Ich erlebe wieder andere Seiten von mir im Vordergrund und empfinde das insgesamt angenehmer als wenn ich stark adhs-lastig bin.

Da ich mich ohne Medikament sehr grenzenlos fühle, überflutend, überlaufend, schätze ich es sehr, dass jetzt – mit Elvanse – wieder mehr Abgrenzung möglich ist. Ich bin hier, du bist da. Ich fühle mich, meine Grenzen, dich und deine Grenzen. Ich fühle mit, aber es ist nicht mehr so, dass ich gefühlt und gedanklich, weil ich grenzenlos bin, deine Stelle einnehmen muss. Das ist sehr gut. Ich habe somit wieder mehr Energie für meine eigenen Wahrnehmungen.

Was ich daran aber nicht mochte, ist eine Art Herzrasen wie nach drei Espressi und damit einhergegend ein latentes Drüber-Sein. Ich war mir nicht sicher, ob das vom Mittel an sich oder der Dosis herrührt, weshalb ich tiefer gegangen bin. Weil dieses Gefühl nun aber vorbei ist, werde ich vielleicht demnächst nochmals mit 10 mg testen. Einmalig habe ich es mit 15 mg versucht, aber das war definitiv zu hoch und mein Klarheitsgefühl war so stark, dass es sich nicht mehr gut angefühlt hat. Also teste ich im Bereich zwischen 8-10 mg.

Wissenswertes
Je älter wir werden, desto weniger Dopamin wird gebraucht, denn im älter werdenden Hirn sind weniger Dopamintransporter vorhanden, die die Dopaminzufuhr ausbremsen. Ergo braucht es weniger Wirkstoff. Dass ich Elvanse sehr genau dosieren lässt, ist also super.

Dass die kleinsten, handelsüblichen Dosen relativ groß sind, finde ich schade. Und unfair. Gerade ältere Menschen brauchen, wie gesagt, weniger Substanz, um den Dopaminmangel aufzufüllen. Und gerade bei Stimulanzien (aber eigentlich bei allem) geht es ja darum, nur genau so viel Wirkstoff zu nehmen, wie wir brauchen, um die gewünschte Wirkung zu erreichen. Viel hilft viel gilt gerade hier überhaupt nicht, im Gegenteil: Zu hoch dosiert werden wir ja auch nicht glücklich, weil uns dieses Zuviel nicht ruhiger, sondern wieder unruhiger werden lässt.

In der Regel wird leider generell viel zu hoch eindosiert, folgere ich aus Erzählungen in meinem Bekanntenkreis, da viele Ärztys mit MPH und LDX zu wenig vertraut sind.

Be der Eindosierung beider Medikamente protokollierte ich am Anfang genau, was sich wie anfühlt. Zusammen mit meiner Ärztin schaute ich wöchentlich, wie und ob es passt. Falls nicht, testeten und testen wir weiter bis es zu mit passte und passen wird. 7

Natürlich bin ich nicht jeden Tag gleich gut drauf und empfinde es mal so mal so, dazu kommen die Hormone und was alles noch so an Unwägbarkeiten meinen Alltag beeinflusst.

Ich hoffe sehr, dass diese Medikamente nach und nach auch in kleineren Dosen auf den Markt kommen, denn ich bin ziemlich sicher, dass immer mehr nach kleineren Dosen gefragt wird, was, so denke ich, damit zusammenhängt, dass es immer mehr spät- und sehr spätdiagnostizierte Menschen (vor allem auch Frauen*) gibt, deren Bedarf kleiner ist – denn, wie gesagt, je älter ein Mensch ist, desto weniger Wirkstoff ist in der Regel nötig.

Ich hoffe jetzt, dass ich bald weiß, welches meine Dosis ist – und das wünsche ich auch allen Leser*innen.


¹ Hier steht alles Notwendige zum kleinschrittigen (Ein-)Dosieren, inklusive Link zu einem Video, worin die Wasser-/Spritzenmethode gezeigt wird:
https://www.adxs.org/

Was bei #ADHS helfen kann | Medikamente nehmen oder doch eher nicht? Ein neuer Versuch.

[Disa] Die Frage stellt sich mir immer wieder, ob die Einnahme eines ADHS-Medikaments eine Aussage darüber macht, wie mein Selbstverständnis als ADHS-lerin in dieser Welt ist. Sehe ich mich als Systemfehler, heißt: sage ich, indem ich ein Medikament für (oder gegen?) ADHS nehme, über mich aus, dass meine ADHS-Thematik eine Art Behinderung oder eine Störung ist, die es möglichst zu beheben und auszuschalten gilt?

Das greift, denke ich, viel zu kurz. Fakt ist, dass ich in einer Welt lebe, in der es wenig Platz für Menschen mit ADHS gibt. Es sind ungefähr 2,5 % der Bevölkerung mit ADHS diagnostiziert, die hohen Dunkelziffern mal ausgeblendet. Dazu all jene, die sich bewusst nicht diagnostizieren lassen wollen. Außerdem leiden manche an oder unter ADHS, manche nicht.

Fakt ist ebenfalls, dass ich mir, nachdem ich endlich diese Diagnose bekommen habe (zweieinhalb Jahre sind es inzwischen) mein eigenes So-Sein endlich besser erklären und endlich akzeptieren kann. Doch damit sind die Schwierigkeiten nicht vom Tisch. Mit der Diagnose ist und war der Leidensdruck ja nicht einfach weg.

Ich entschied mich, und entscheide ich mich weiterhin, dafür medikamentöse Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Das Medikament hilft mir, weniger zu leiden und den Leidensdruck besser auszuhalten. Ich ertrage Alltagsreibung besser.

Dabei geht es nicht um eine Bewertung meines So-Seins oder eine Abwertung gar, sondern darum, weiteres Leid zu reduzieren, das aus meiner hohen Reizempfindlichkeit, Hyperaktivität und leichten Ablenkbarkeit erwächst.

Dass ich mich nebenbei tatsächlich kompatibler mit meinen Mitmenschen fühle und weniger auffällig oder weniger anders ist ein Nebeneffekt, nicht die Hauptsache. Das Medikament lässt mich den Umgang mit anderen ein wenig weniger stressig empfinden; und alles, was Stress reduziert, ist mir willkommen.

Die Hauptsache aber ich für mich, mehr und mehr in die Selbstakzeptanz zu kommen und immer weniger zu maskieren. Maskieren ist die Strategie, die mich bis hierher gebracht hat und die mir geholfen hat, zu überleben, immerhin, also will ich sie würdigen. Und ziehen lassen, denn Maskieren ist auch jene Strategie, die mir am meisten Energie abgezogen hat.

Wenn ich also versuche, immer weniger zu maskieren, obwohl ich das Medikament nehme, bin ich – so denke ich es für mich – auf dem für mich richtigen Weg, der genauso richtig ist wie der Ansatz anderer ADHS-Betroffener, die beschliessen kein Medikament zu nehmen, denn sie sind ja kein Systemfehler.

Wer sich mit Diagnose und ohne Medikament  auf den Weg begibt, hat meinen ganzen Respekt.  Wer sich in seinem Beruf oder in seinem Alltag mit Diagnose und ohne Medikamente einen Platz schaffen kann und gut damit zurechtkommt, hat oder braucht vermutlich viel mehr Selbstbewusstsein, als es viele von uns aufbringen können, die wir Jahre und Jahrzehnte lang in der Anpassungsfalle gelebt und Leidensdruck aufgehäuft haben. Viele von uns verfügen nicht über dieses Selbstbewusstsein, von jetzt auf gleich nach einer erhaltenen Diagnose (oder Selbstidentifikation) einen radikalen Weg der Selbstakzeptanz gehen zu können – also ohne die unterstützende Hilfe, die ein ADHS-Medikament zur Verfügung stellt.

Ich bin mir sehr bewusst, dass das eine ganz individuelle Angelegenheit ist und dass jede eine Person, die das nur für sich selbst entscheiden kann. Ich werte das nicht. Ich bin nur sehr dankbar, dass ich medikamentöse Unterstützung erfahren habe und erfahre, denn sie hat mir tatsächlich dazu verholfen, weniger zu leiden und meinem Hirn immer mal wieder die notwendige Ruhe zu geben.

Darum habe ich mich, nach zwei Jahren mit Methyphenidat, nun auf die Reise begeben, um ein anderes Medikament zu bekommen. In letzter Zeit hatte ich vermehrt den Eindruck, dass mein Medikament nicht mehr gleich wirkt, mich nicht mehr gleich unterstützt im Alltag. Ich fühlte mich oft so, als hätte ich das Medikament überhaupt nicht genommen. Höher zu dosieren ist bei Methylphenidat, wenn eins erst die richtige Dosis gefunden hat, nicht der richtige Weg. Eher könnte es sein, dass die Dosis eines Tages zu hoch ist, da mit dem Alter weniger Dopamintransporter den Dopaminzufluss stören.

Ich hatte darum meine Dr. ADHS um einen Termin gebeten, um mein Anliegen mit ihr zu besprechen: Ich möchte herausfinden, warum ich das Medikament nicht mehr als unterstützend erleben. Vorab hatte ich ihr per Mail schon ein wenig erzählt, auch dass ich einen neuerlichen Ferritin-Mangel vermute.

Sie sagte nicht einfach: »Oke, dann probieren wir etwas anderes!«, sondern hat genau nachgefragt, was sich wie anders anfühlt und um welche Tageszeit etc.

Könnte Ferritin sein, ja, sagte sie, zumal ja inzwischen einZusammenhang zwischen Eisenmangel und Dopamin bekannt ist. Auch sind die üblichen Schwellwerte bei ADHS-Betroffenen vermutlich höher als bei Menschen ohne ADHS und Ferritinmangelthematik.

Auch ob das Medikament vielleicht zu stark dosiert sei, wollte sie so herausfinden (ja, auch eine zu hohe Dosis kann eine unerwünschte Wirkung haben, zumal im Älterwerden die benötigte Dosis eher kleiner wird)). Wir sprachen auch über die Zusammenhänge zwischen meinen Antihistaminika (wegen Histaminintoleranz und Allergien) und wie sich diese auf MPH auswirken. Außerdem könnte es auch sein, dass ich gefühlt nicht mehr auf das Mittel anspreche, weil ich aus anderen, z. B. hormonellen Gründen seit einer Weile reizempfänglicher bin. Ich schlafe seit einer Weile nicht mehr so gut und lang wie auch schon, denn ich habe versucht, mir Melatonin abzugewöhnen, weil ich gelesen, dass dieses nicht langfristig genommen werden sollte. Dr. ADHS erklärte mir, dass Melatonin, das ja ein Hormon ist, eben auch Wirkungen auf die körpereigenen Hormone habe. Dass die unerwünschten Wirkungen eigentlich nur bei Kindern/Jugendlichen sowie Frauen, die schwanger werden wollen, relevant seien, da es eine Art Hormonverzögerung auslöse. Da ich aber weder zur einen noch zur anderen Gruppe gehöre, solle ich ruhig weiterhin Melatonin nehmen, zumal meine Dosis (1 mg) unbedenklich sei. Alternativ und mittelfrisitg könne auch ein gynäkologischer Hormonstatus gemacht werden. Bei Gestagen-Mangel werde der Schlaf oft auch beeinträchtigt und das könne mit körperidenten Gestagen-Gaben verbessert werden.

Schlafmangel könne durchaus dazu führen, dass ich das Gefühl habe, die Wirkung meines Medikaments habe nachgelassen, weil ich deswegen reizoffener sein könnte. Ich frage nach, ob auch eine Toleranzentwicklung in Frage komme, was sie verneint. Von einer Toleranzentwicklung spreche man eigentlich nur bei Drogendosen, die viel höher seien als die von ADHS-Betroffenen zu therapeutischen Zwecken eingenommenen. Das Thema kann also weg.

Schließlich beschließen wir, dass ich sowohl wieder Melatonin nehme, als aber auch das alternative Mittel der Wahl, Elvanse, testen werde.

Dr. ADHS erklärt mir, wie Elvanse wirkt und dass die Wirkung in manchen Punkten anders als bei MPH (Focalin, Ritalin und Co. = Methylphenidate) ist. Elvanse ist ein Lisdexamfetamin, also ein Prodrug, und wird erst im Magen-Darm-Trakt zur aktiven Substanz. Während MPH nach der Einnahme im Laufe des Tages zu ein oder zwei Peaks ansteigt und dann langsam abfällt, ist LDX eher konstant, der Wirkstoff tröpfelt quasi in die Blutlaufbahn und hängt sich an die roten Blutkörperchen, wirkt also gleichmäßig.

Anders ist auch die gefühlte Wirkung. Während MPH deutlich fühlbar Reize wegfiltert und dadurch gefühlt eine dickere Haut schenkt, fehlt diese Filterung bei LDX. Allerdings können die Reize besser und bewusster gesteuert und bewusster ausgeblendet werden. Es verlangt also mehr bewusstes Steuern. Die großen Vorteile von LDX liegen besonders im Bereich der Konzentration. Während MPH nicht unbedingt die Motivation erhöhen kann und Prokrastinationsschwellen fast genauso schwer überwindbar sind wie ohne Medikament, ist das bei LDX anders. Elvanse schiebt an, was – Achtung! – bei Menschen mit der Tendenz zu Selbstausbeutung gefährlich sein kann. Ich werde das mit den Pausen also endlich lernen müssen. Außerdem wirkt LDX serotonär, was so viel heißt, dass es sich auf den Serotoninspiegel auswirkt. Was ja auch nicht soo schlecht sein kann, denke ich. Elvanse soll außerdem mutiger machen, meint Dr. ADHS, mutiger  im Sinne von mehr Bereitschaft, sich auf soziale Interaktion einlassen zu können.

Der nächste Schritt für mich ist, dass ich die Off-Label-Erklärung lesen und unterschreiben werde, denn Elvanse ist nur bis 55 Jahre getestet, alle älteren Personen bekommen es off label. Ich unterschreibe quasi, dass ich es auf eigene Gefahr nehme. Danach geht das Testen los: Passt es für mich? Welche Dosis?

Das Mittel wird in Kapseln geliefert. Ich werde mit einer Viertelkapselfüllung (5 mg) anfangen. Das dann 3-4 Tage testen,  2-3 Tage pausieren und allenfalls höher oder gleich weitermachen. Dazwischen werden wir per Mail in Kontakt bleiben und uns in zwei Wochen wiedersehen.

Da es das zweite Mittel ist, das ich teste und da ich mich selbst sehr gut kenne und gut in Selbstbeobachtung meines Körpers bin, also quasi Expertin, sprechen wir uns mailisch ab zwischendurch. Beim ersten Mittel haben wir uns wöchentlich getroffen und ich musste buchführen über die beobachteten Veränderungen und Wirkungsweisen. Das soll ich auch dieses Mal wieder machen.

Ich bin gespannt auf das neue Werkzeug und werde hier berichten. Hoffentlich bleiben schwierige Nebenwirkungen aus.

Mein #ADHS-Coaching Teil 9

Teil 9: Rückblick/Fazit/Ausblick > Pause

[Disa] Es ist Februar und ich habe schon im Voraus beschlossen, dass das heute meine vorerst letzte Sitzung bei Dr. ADHS sein soll. Zum einen habe ich inzwischen so viele Werkzeuge kennen gelernt, die ich anwenden lernen und vertiefen will, zum anderen stecke ich gerade in der Autismus-Diagnostik, die mir gerade sehr viel Aufmerksamkeit abverlangt.

Wir sprechen über Worstcases, denn einen Tag vor der Sitzung habe ich die letzte Kapsel aus der alten Kapselpackung genommen. Gerade rechtzeitig ist der Lieferengpass auch diesmal behoben worden und ich konnte die neue Packung in der Apotheke abholen. Von meinem Mittel gibt es noch kein Generikum und auch so ähnlich wirkende Mittel gibt es nur off label, also kann ich immer nur hoffen, dass es zukünftig keine Engpässe mehr gibt.

Anschließend sprechen wir über meine Autismusabklärung. Dr. ADHS war sehr interessiert, also erzählte ich ihr von meiner ersten Sitzung, wo es vor allem um eine sehr umfassende Anamnese im Gespräch ging. Zielführende Fragen und Antworten zu meinem Leben. Frau ADHS klang zuversichtlich, so, als werde diese Diagnose die für mich zutreffende sein.

Danach fasse ich das bisher im Coaching Gelernte und Verstandene zusammen, sage, dass ich mir inzwischen eine neue Art der Grundherangehensweise für Stressoren erarbeitet habe: Der erste Schritt ist die Wahrnehmung, das Mir-Bewusstmachen einer Stresssituation. Schritt 2 ist das Analysieren derselben und daraus, drittens, das Bilden einer Hypothese, die auf Erfahrungen basiert und mir hilft, das richtige Werkzeug zu finden, das in der jeweiligen Situation am besten passt. Damit ich die passende Entscheidung treffen und entsprechend handeln kann. So irgendwie, also zumindest theoretisch.

Wir versteigen uns einmal mehr in Theorien über das Hirn und wie der Präfrontale Cortex im Laufe der letzten anderthalb Jahre, die ich inzwischen schon mit meinem ADHS-Medikament lebe, gelernt hat, die vom Thalamus gesetzten Filter anzuwenden und sich vom limbischen System nicht mehr so sehr wie früher überfluten zu lassen … und wie sich vieles verändert hat …

Allmählich werden wir wieder persönlicher und ich formuliere mein Bedürfnis, weniger Coaching und mehr Praxis zu haben. Vielleicht sogar eine Gruppe Gleichgesinnter zu finden, offline oder online. Ich sage, dass ich eine Coaching-Pause möchte. Wir rechnen aus, dass meine neue Tablettenpackung bis im September reicht und machen unseren nächsten Termin im September.

Am Schluss ist es fast ein Abschied mit vielen guten Wünschen. Sie sagt, dass ich ja bald eine neue Diagnose habe. Als wäre sie sicher. Das tut gut, denn es wäre so gut, endlich zu wissen, was mit mir los ist.

Ich bin gespannt.

(Februar 2025)


Teil 1
Teil 2
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Mein #ADHS-Coaching Teil 8

Teil 8: Über Impulssteuerung

[Disa] Weil es für mich schier unmöglich ist – und zwar schon immer – zur Ruhe und in eine tiefe Entspannung zu kommen, so richtig, mit allen Tabs zu, beschliesse ich, mit Dr. ADHS diesmal darüber zu sprechen. Dieses Gewusel im Kopf haben ja alle irgendwie, ich weiß, doch die meisten haben es nicht immer. Nicht alle haben dieses ständige Rumgezappe und Rumgeswitche im Kopf, das für ADHS ein typisches Symptom ist.

Am Anfang der Therapiesitzung sprechen wir über die aktuellen Lieferengpässe. Ich hoffe sehr, dass mein Medikament baldmöglichst wieder lieferbar sein wird. Die angebrochene Packung reicht noch bis Mitte Februar. Ich hoffe, dass bis dahin der Engpass behoben sein wird. Dr. ADHS stellt mir ein neues Rezept aus.

Beide schweifen wir diesmal häufig ab. Reden über alles Mögliche. Auch über Autismus. Ich stelle fest, dass mich dieses Mäandern nervös macht. Mein innerer Taxometer läuft.

Irgendwann kommen wir doch noch zum Thema: Entspannung, Schlafen, Ruhe, Erholung, Umgang mit Schlafproblemen, Hypervigilanz, Daueranspannung

Dr. ADHS skizziert mir wieder einmal, zur Erinnerung, was neurobiologisch mit Reizen passiert. Wie sich der Thalamus, dieser Gedanken-, Eindrücke- und Gefühle-Filter inmitten meines Hirns mit dem Präfrontalen Cortex austauscht. Vom Limbischen System wird er zudem mit Gefühlsinfos gefüttert. Von außen kommen Sinneseindrücke, von innen Gedanken und Gefühle, die via Thalamus im PFC bewertet werden und schließlich zu Handlungen führen, denn dort sitzt die Steuerzentrale.

Lange Rede kurzer Sinn: Wir ADHS-Hirnis sind quasi von vornherein schwer zum Schlafen, zum Abschalten zu bekommen, weil da immer irgendwelche Reize sind.

Was hilft: Reize reduzieren, Geräusche mit Ohropax dimmen, helles Licht vermeiden, etc.

Unten rechts zeichnet sie die typische Zeitleiste einer Nacht. In der ersten Nachthälfte sind wir müde und schlafen in der Regel tiefer als in der zweiten Nachthälfte. Wenn wir nicht einschlafen können, sollten wir das Bett verlassen, etwas machen. Bis eine halbe Stunde nicht einschlafen zu können sei normal, länger sei ungesund. Wach im Bett liegen gibt dem Hirn den falschen Impuls. Es versteht: »Wach im Bett ist ok. Also bin ich wach, wenn ich Reize verarbeiten will.«

Wenn wir uns bewusst machen, dass wir jetzt nicht mehr Schlafen, sondern nachdenken und fühlen – sprich: wach sind und aktiv –, sollten wir entweder gegensteuern und das System bewusst mit entspannenden Techniken herunterfahren oder eben aufstehen. Bloß nicht passiv herumliegen.

Was hilft, damit wir wieder einschlafen, wenn wir nachts oder viel zu früh morgens wach sind: Wenig Licht (wenn, dann blaues), keine Aktivitäten, Reize minimieren (sowie die bekannten Atemübungen, Zählen, Muskelentspannung etc.). Aufkommende Gedanken aufschreiben, um sie loszulassen.

Also auch da wieder in die Selbststeuerung gehen: Was will ich jetzt? Entscheiden, statt mich treiben lassen. Hauptsache nicht passiv herumliegen.

Nichts Neues, denke ich, denn ja, irgendwie hatte ich mehr erwartet, neue Erkenntnisse. Das alles war für mich, außer dem besseren Verständnis der neurobiologischen Prozesse, mehr oder weniger bekannt.

Ob ich womöglich inzwischen die meisten Coachinginhalte – zumindest theoretisch – verstanden haben? Die mir von Dr. ADHS bisher vermittelte Sensibilisierung auf Steuerungsprozesse und dazu passende Techniken greifen nahtlos ineinander und ergänzen sich. Die Essenz ist immer ähnlich: Anstatt mich treiben zu lassen, selbst entscheiden. Aktiv statt passiv sein. Mich und die Prozesse selbst steuern statt mich wie bisher von meinen Impulsen fremdbestimmen lassen.

Wie sehr setze ich diese Erkenntnis in meinem Alltag denn schon um?, frage ich mich auf dem Heimweg.

Antwort: Mal mehr, mal weniger. Je besser ich darauf achte, mich nicht treiben zu lassen, desto besser kann ich mich aufraffen, nicht gleich dem ersten Impuls nachzugeben und mich stattdessen zu fragen, was ich wirklich will und was genau jetzt hilfreich ist.

Das ist – zugegeben – ebenso anstrengend wie jedem Impuls nachzugeben, weil ich dieses Vorgehen noch nicht verinnerlicht habe. Kein Wunder, denn viele Jahrzehnte habe ich gegenteilig gehandelt, mich treiben lassen, Impulsen gehorcht.

Es liegt allein bei mir. Will ich selbst und bewusst Entscheidungen treffen (wie ich zum Beispiel meinen Tag gestalte, wie ich meine Arbeiten erledige) oder lasse ich mich durch den Tag treiben? Ja, auch das darf, aber dann, weil ich es so entschieden habe.

(Januar 2025)


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Fortsetzung folgt

Mein #ADHS-Coaching Teil 7

Teil 7: Noch mehr Emotionsregulation

[Disa] Vor der Praxis ist das Parkfeld für zwei Autos von einem einzigen Auto fast ganz zugeparkt. Ich bin froh über mein Microauto, das dahinter knapp Platz findet. Wie mich solche Dinge jedes Mal von Neuem nerven! Ich hasse Rücksichtslosigkeit in jeglicher Form und bin noch immer ein wenig gereizt, als ich die Praxis betrete.

Nach dem üblichen kurzen Austausch erzähle ich, wie es mir so geht; dazu fasse ich den letzten Monat sehr sachlich zusammen und zähle all die stressigen Dinge der letzten Wochen (Auto-Reparatur, Fahrzeugprüfung, COVID, Zahnprobleme, depressive Episode) als sehr erschöpfende und anstrengende Situationen auf. Auch über meine anhaltende Erschöpfung und Müdigkeit, über die wir schon beim letzten Mal ja ausführlich geredet haben.

Dr. ADHS liegen meine aktuellen Laborergebnisse vom Vortag vor. Mein Ferritinwert ist zwar noch nicht besorgniserregend tief, aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich im März eine Infusion hatte, ist der Pegel doch recht tief und soll nicht wirklich tiefer fallen. Vielleicht haben wir hier eine Bestätigung für die Eisen-These (dass ADHS-Hirne mehr Eisen brauchen und anders verstoffwechseln), über die wir letztes Mal gesprochen haben. Ich soll jedenfalls ein gut verträgliches Eisenpräparat nehmen, für Infusionen ist mein Wert zu hoch. Vitamin D ist auch eher tief, ich könne gern mehr Tropfen nehmen, bis 5000 i. E. pro Tag, empfiehlt Dr. ADHS.

Ich bin zum Glück nicht mehr akut depressiv, auch die Erschöpfung ist nicht mehr ganz so raumgreifend wie noch vor ein zwei Wochen und ich nehme mich auch nicht mehr ganz so reizbar wahr.

Ob Eisen und Vitamin D hauptursächlich sind für meine Erschöpfung und das Gefühl, dass die Filter meiner ADHS-Mittels nicht mehr greifen, ist nicht ganz klar. Wir betrachten diesmal meine aktuellen Symptome (Erschöpfung, Depression, Motivationslosigkeit) genauer und sind damit wieder beim großen Thema Emotionsregulation und -steuerung.

Auf das Auftreten von Gefühlen haben wir, wie wiederholt festgestellt, keinen direkten Einfluss. Gefühle können wir nicht steuern, wir können jedoch unseren Umgang mit ihnen beeinflussen. Gefühle beruhen auf sehr vielen Einflüssen, unser Dopaminspiegel ist nur einer davon. Weitere Einflüsse sind interne (Hormone etc.) und externe (Erlebnisse etc.). Wir stehen immer in irgendwelchen Kontexten und unter irgendwelchen Einflüssen, alles macht etwas mit uns.

Kurz: Den Kontext können wir beeinflussen, nicht aber, was wir dabei fühlen. Unser Erfahrungswissen hilft bei Gefühls- und Stimmungstiefs: Wir wissen, dass alles Phasen sind, die vorüber gehen.

(Übrigens: Um nicht Augenkontakt halten zu müssen, schreibe ich viel mit. Inzwischen habe ich begriffen, wie oft ich mich zu Augenkontakt zwinge. Andern in die Augen zu schauen ist für mich kein natürliches Bedürfnis, sondern etwas, das ich mir als Kind antrainiert habe.)

Lachen hilft, sagt Dr. ADHS, und zuerst denke ich, sie macht sich ein bisschen über mich lustig. Doch dann erklärt sie, dass wir den Kreislauf Denken, Fühlen und Verhalten durchaus mit unkonventionellen Tricks durchbrechen können. Früher dachte man, es müsse mit Anders-Denken angefangen werden, um auf destruktive Verhaltensmuster und Gefühle einwirken zu können. Heute weiß man, dass auch mit relativ banalen Verhaltensveränderungen angefangen werden kann. Zum Beispiel mit willentlichem Lachen, mit dem Verziehen des Gesichts zu einem Lachen, mit einem So-tun-als-ob-Lachen, das dem Hirn signalisiere, dass wir uns gut fühlen. Auch so kann ein destruktiver Kreislauf durchbrochen werden. Mit einem Bleistift zwischen den Zähnen könne ein Lachen imitiert werden, die Gesichtsmuskeln würden zu einem Lachen verzogen und mit diesem Gesicht sei es schier unmöglich, sich weiter in der depressiven Negativ-Spirale zu bewegen. Na ja … ich bin bei sowas ja immer skeptisch.

Wie wir uns verhalten – will heißen, wie wir auf Gefühle reagieren –, haben wir als ADHS-Betroffene dank Medizin selbst in der Hand. Und ja, ich fühle mich tatsächlich meinen Gefühlen nicht mehr so machtlos ausgeliefert wie früher, mache ich mir einmal mehr bewusst.

Ich entscheide also – idealerweise bewusst –, ob ich auf ein schwieriges Gefühl mittels Abschwächen oder lieber durch Übersteuerung reagieren will.

Als Beispiel nehmen wir meine Motivationslosigkeit. Wie kann ich mich selbst wieder mehr motivieren und mich aus meiner aktuell schweren Unmotiviertheit, die ich dazu auch noch sehr schwierig aushaltbar finde, herausholen?

Abschwächen hieße hier, mir durch eine Art Vorabbelohnung Anlaufenergie zu holen. Konkret: Ich könnte vor der ungeliebten Arbeit etwas tun, das mir Freude bereitet und den Akku auffüllt (Hörbuchhören und dazu malen z. B.). Allerdings bestimme ich vorab eine Zeit und höre auf, hemme den Impuls sozusagen, selbst wenn ich einen Lauf habe, und setze mich schließlich an die ungeliebte Aufgabe.

Übersteuern hieße in diesem Fall die Motivationslosigkeit schlicht zu ignorieren und mich unmittelbar auf die ungeliebte Arbeit zu stürzen. Das setzt voraus, dass ich mich selbst von der Dringlichkeit oder Notwendigkeit der Arbeit zum Beispiel überzeugen kann. Einfach ist das nicht, auch wenn es so klingt. Übersteuern bedeutet quasi ’Augen zu und durch’.

(Dabei passiert etwas im präfrontalen Kortex, eine kognitive Leistung. Wie so oft kapiere ich nicht immer alles, was mir Dr. ADHS erklärt. Oder ich verstehe es nur kurz, beim Zuhören, daheim ist es bereits wieder vergessen.)

Weder das eine noch das andere finde ich einfach, logisch und einfach so zugänglich, außerdem bin ich aktuell Weltmeisterin im Prokrastinieren.

Dennoch ist mir beim Zuhören aufgefallen, dass ich mich im Grunde so ähnlich, also mit einem Mix aus Abschwächen und Übersteuern, aus der Depression herausgeholt habe: Ich hatte mich auf ein Thema gestürzt, Autismus, und mich da so richtig tief reingekniet. Während ich mich tief auf dieses für mich wichtige Thema einließ, blendete ich die ganze depressive Denklast phasenweise komplett aus. Vielleicht ist das nicht gerade das Idealbeispiel, aber irgendwie ahne ich, was mit diesen zwei Möglichkeiten der Emotionsregulation gemeint ist. Es geht letztlich um das möglichst unbeschadete Umschiffen einer schwierigen Situation.

Seit ich MPH nehme, empfinde ich meine ADHS-Symptome weniger vordergründig, erzähle ich gegen Ende der Sitzung, ich nehme seither meine Autismussymptome deutlicher wahr, sie sind sozusagen freigestellt. Bei meinen Recherchen zum Thema habe ich ständig Aha-Erlebnisse. (Dr. ADHS nimmt diese Gedanken wertfrei zur Kenntnis. Ich kann mir vorstellen, dass sie die Forschung um AuDHS, also die Kombi zwischen beiden Seinsarten, auch verfolgt.)

Ich erfahre abschließend, dass Lichttherapie am Morgen am wirksamsten sei, weshalb ich meine Lichttherapielampe inzwischen ins Schlafzimmer geholt habe. Ich sage, dass ich keine Antidepressiva nehmen will. Im Vergleich zu den früheren Depressionen, war die aktuelle mittelschwer und zeitlich eher recht kurz (ca. 2-3 Wochen). Das ist überschaubar und erträglich. (Bei allen AD hatte ich üble Nebenwirkungen und wenig Benefit.)

Als ich die Praxis verlasse, ist das rücksichtslose Auto verschwunden. Immer wieder schön, wenn sich Probleme von allein lösen.

(Dezember 2024)


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Fortsetzung folgt

Mein #ADHS-Coaching Teil 6

Teil 6: Mein Umgang mit Ressourcen, physisch und mental

[Disa] Diesmal bin ich mit Zug und Bus zur Therapie gefahren, weil das Auto gewartet wird. Eigentlich wäre es ökologischer, doch leider ist mein Energievorrat nach der dreiviertelstündigen Reise ziemlich aufgebraucht. Das Unterwegssein unter Menschen, der Lärm der Bahnhöfe und auf der Straße, als ich auf den Bus warte, zeigt mir deutlich, wie es aktuell um meine Energie steht. (Na ja, nicht nur jetzt stressen mich Bahnhöfe, Straßen und Menschen, aber doch deutlich mehr als auch schon.)

Nachdem ich Dr. ADHS kurz erzähle, wie es mir die letzten Wochen ergangen ist, leite ich zu meinem aktuellen Thema über: meine schon seit einigen Wochen anhaltende Dauererschöpfung. Keine Müdigkeit, die durch Ausschlafen, überhaupt durch Schlaf, aufgelöst werden könnte, sondern eine, die macht, dass ich wenig, noch weniger, erledigt bekomme. Ob es einen Zusammenhang zu meiner aktuell sehr gegenwärtigen Motivationslosigkeit mit Depressionsnähe gibt, weiß ich nicht. Es ist, als würde das D-MPH, das ich seit einem Jahr nehme, nicht mehr richtig wirken. Ich erwähne das Mitarbeiterinnengespräch mit meinen Chefinnen, die bevorstehenden Fahrzeugprüfung und den Zahnnotfall, um ein paar Baustellen aufzuzeigen. Und wie mich das alles total erschöpft.

Dr. ADHS fragt, was genau ich von ihr brauche und erhoffe. »Na ja«, druckse ich herum, »dass Sie wieder so eine hilfreiche Lösung aus dem Hut zaubern wie letztes Mal … Hilfreiche Tipps oder Strategien.«

Dr. ADHS schaut eine Weile auf den Bildschirm ihres Laptops, scrollt – so vermute ich – durch meine Krankengeschichte und sagt, dass demnächst meine Jahreskontrolle (Blut, EKG etc.) anstehe. Energielecks können, sagt sie, unterschiedliche Ursachen haben. Als erstes müssen wir feststellen, wo meine Energie versickert, um mir wieder Energie zuführen zu können. Damit ich wieder zu mehr Lebensqualität kommen kann.

Sie zählt auf, was unseren Energievorrat beeinflusst: Ernährung, Verdauung/Resorption, Stressfaktoren, Infektionen. Mein Ferritin-Wert sei ja vor einem Jahr sehr im Keller gewesen, sagt sie mit Blick auf den Laptop.

»Ja«, sage ich, »das ist bei mir fast immer so. Darum habe ich nach der Jahreskontrolle im Februar eine Eiseninfusion bekommen. Danach ist nochmals ein Labor gemacht worden.«

Dr. ADHS erzählt, die neuere Forschung gehe von einem Zusammenhang zwischen erhöhtem Eisenbedarf und dem ADHS-Hirn aus. Dass ADHS-Hirne Eisendepots anders bewerten, einsetzen und einen höheren Bedarf haben. *Shameonme* So richtig habe ich das alles nicht verstanden, meine Konzentration ist aktuell nicht die Beste. Jedenfalls seien wohl etwa die Hälfte aller ADHSler*innen davon betroffen. (Ich lasse das jetzt mal so stehen, da ich keine weiteren Fakten oder Quellen dazu habe.)

Schließlich kommen wir vom Eisen zu Vitamin D, das bei mir auch immer eher im Mangelbereich ist – und erfahrungsgemäß bei mir sehr direkt mit Stimmung und Motivation korrespondiert. (Sie empfiehlt im Winterhalbjahr täglich bis zu 5000 i.E., was etwa doppelt so viel ist, wie ich bisher jeweils genommen habe. Gerade nehme ich aber noch kein Vitamin D, als wir darüber sprechen. Ich vergaß zu fragen, ob das bei ADHS-Betroffenen anders sei als bei neurotypischen Menschen). Beides werde ich bei der Jahreskontrolle, die bald ansteht, mit meiner Hausärztin anschauen.

Omega 3-Fettsäuren seien ebenfalls sehr wichtig für den Energiehaushalt, ergänzt meine Ärztin, und natürlich Magnesium, das ich bereits regelmäßig in Kombination mit Calcium nehme, das es mir gegen die MPH-spezifischen Verspannungen hilft.

Dr. ADHS ist zuversichtlich, dass meine Energie wieder zurückkehrt. Eisenmangel lasse die ADHS-Symptome wieder aufleben und deutlicher in den Vordergrund treten, ergänzt sie die vorherigen Infos. Also genau das, was ich aktuell bei mir beobachte. Ich bin wieder gereizter, reizempfindlicher – fast so als nähme ich die Medikamente nicht. Was natürlich auch mit den ganzen Stressfaktoren zusammenhänge, sagt sie, denn die Medikamente und meine Reaktion darauf sind ja nicht immer gleich, tagesformabhängig und bei weitem nicht die einzigen Faktoren, die meine Lebensqualität beeinflussen.

Fakt ist, dass ich langzeiterschöpft bin. Trotz der Medikamente.

Dass ich wieder viel lärm- und reizempfindlicher bin, inbesondere bei der Arbeit, ist ein Gefühl. Dieses aktuelle Gefühl an sich kann ich zwar nicht ändern, ich kann jedoch überlegen, wie ich damit umgehen kann. Ich kann auch die andern Menschen nicht ändern, nicht leise stellen wie ein Radio, aber ich kann meine Haltung zu den Stressoren sozusagen bewusst und strategisch ändern. (Es lohne sich nur, in den Krieg zu ziehen, wenn Aussicht auf Erfolg bestehe. Andernfalls sei es strategisch klüger, die Energie dafür nicht zu verschwenden.)

Wir sprechen über den Sinn von Anpassung und ich merke, dass mich das Thema wie immer triggert.

Nur dank Anpassung habe die Menschheit überlebt, Survival of the fittest, sagt Dr. ADHS ein wenig provokativ. Es ist nicht das erste Mal, dass wir darüber reden. Wir philosophieren gern. Ich erzähle von meinem Trotz, den ich gegenüber dem Begriff Anpassung aufgebaut habe und von meinem Gefühl, immer die gewesen zu sein, die sich angepasst, die nachgegeben habe … und dass ich der Anpassung gegenüber müde, resigniert und zugleich auch wütend geworden sei. Da ich auch immer wieder diese Ohnmacht und Hilflosigkeit, weil ich die Gegebenheiten nicht ändern kann. Und die Sehnsucht danach, dass die Gesellschaft weiter, freundlicher und toleranter wäre.

Wir unterscheiden Gefühle von Fakten. Aufgrund der Fakten gilt es nach Lösungen zu suchen. Eine Erste-Hilfe-Lösung ist bereits aktiv. Ich habe mein kleines Arbeitspensum noch weiter reduziert. Vorerst bis im Februar. Das fühlt sich genau richtig an. So kann ich wieder zu Kräften und zur Ruhe kommen und die leeren Vitamin-und-Nährstoff-Depots wieder auffüllen.

Auf gar keinen Fall soll ich die Erschöpfung kleinreden, sagt Dr. ADHS, ich soll sie ernst nehmen, als Tatsache. Sie ist keine Ausrede dafür, dass ich gerade so wenig schaffe. Ich soll mir die notwendige Ruhe gönnen. Das sei nicht egoistisch, das sei wichtig.

(November 24)


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Fortsetzung folgt

#AuDHS = #ADHS + #Autismusspektrum | Nachdenken über Schnittmengen und Gegensätze

[Disa] Als Kind bekam ich von meiner Tante M. ein Taschentuch für Zwillingsgeborene. Auch sie war Zwilling, ebenso meine Mutter und einer meiner Brüder, dem unsere Tante ebenfalls so ein Taschentuch schenkte. Weil ich Tante M. und ihre ansonsten pädagogisch wertvollen Geschenke mochte – die Matrjoschka und das Dalarna-Pferdchen habe ich sogar ins Erwachsenenalter gerettet –, zweifelte ich nicht an der Botschaft auf dem Taschentuch, leichtgläubig wie ich war. Also wuchs ich, dank Taschentuch, im Glauben auf, meine Zwiegespaltenheit in allen Dingen, die ich schon als Kind sehr bewusst wahrnahm, sei astrologisch vorherbestimmt. Der Text auf dem Taschentuch war da sehr eindeutig.

Heute weiß ich es besser. Astrologie ist Quatsch und meine Buntheit hat mit meinem So-Sein zu tun. Während der ADHS-Diagnostik erwähnte meine gute Dr. ADHS, dass manche meiner Testergebnisse auf Autismus hinweisen könnten. Sie kenne sich allerdings nicht gut genug aus, um das beurteilen zu können.

Noch habe ich keine Autismusdiagnose, die Warteschlangen zur Diagnostik sind lang. Ich hoffe, dass ich in einigen Monaten mehr weiß. Inzwischen habe ich mich selbst schlau gemacht und weiß daher, dass die Kombi Autismus/ADHS so selten gar nicht ist, ich nenne sie hier kurz AuDHS.

Seit einem Jahr nehme ich ein Medikament, das mein ADHS-Hirn unterstützt. Seither fühle ich die autistischen Symptome deutlicher. Ich empfinde sie quasi als freigestellt … Vorher haben sich die beiden Wesensarten gegenseitig überlagert und sorgten so für eine ziemlich anstrengende eingeschränkte Lebensqualität. Hott und Hü. Mit und dank Medikament erkenne ich die Prozesse in mir deutlicher, kann vieles besser handhaben und die Lebensqualität ist generell deutlich gestiegen.

Auf der folgendem Grafik fasse ich meine persönlichen Symptome zusammen. In der Mitte die Schnittmenge, in den zwei äußeren Spalten meine Symptome, die entweder der einen oder der anderen Diagnose zugehörig sind.

Meine Zwiegespaltenheit, siehe oben, hat also – so erkenne ich heute – mit den gegensätzlichen Kräften in mir zu tun. Ich habe die für mich gegensätzlichsten Kräfte farbig markiert. Neurodivergenz ist zwar bunt, aber oft ganz schön anstrengend.

Ich wünsche mir, das ich diese ganze Mélange weiter entspannen kann, noch mehr Druck herausnehmen. Noch weiß ich zwar nicht wie, aber ich übe weiter …

+++

Bildbeschreibung/Alternativtext unter der Grafik:
(Draufklick für groß)

Textgrafik, Text unter der Grafik lesbar

Die Grafik zeigt zwei Kreise. Der linke Kreis ist mit Autismusspektrum übertitelt, der rechte mit ADHS. Die Kreise haben eine Schnittmenge.

Der linke Kreis hat folgenden Inhalt:

  • Hoher Ruhebedarf,
    generell tiefes Stresslevel
  • Gern im Rückzug (Schneckenhaus/Kokon) | Regeneration am besten allein oder nur mit Partner | Natur hilft bei der Regeneration
  • Bemerken/Wahrnehmen kleiner Details, die andere nicht sehen
  • Hoher Bedarf an Struktur, Regeln, Routinen & Planung, Vorhersehbarkeit, Wiederholung, | Veränderung von Abläufen ist sehr stressig | Vorbereitung und klare Abmachungen sind wichtig
  • Berührung/Anfassen mancher Dinge wird als sehr unangenehm empfunden | (unangekündigtes) Berührtwerden ist unangenehm
  • Augenkontakt ist kein natürliches Bedürfnis
  • Oftmaliges Nichtverstehen von Ironie u/o sozialen Codes

Der rechte Kreis hat folgenden Inhalt:

  • (Innere) Hyperaktivität & Impulsivität
  • Grenzenlosigkeit/überbordende Grenzen
  • Hoher Stimulations- & Inspirationsbedarf
  • Exekutive Dysfunktion & Chaostendenz bei Umsetzung von Plänen & im Haushalt/Ordnung
  • Unterstimulation erzeugt Unkonzentriertheit und fördert Ablenkbarkeit und Fehlerbereitschaft
  • Zeitblindheit (auf einmal ist viel Zeit vergangen)
  • Motivierbarkeit bei uninteressanten Aufgaben sehr schwierig
  • Gleichzeitige Wahrnehmung von Ereignissen, was Priorisieren schwierig macht

Die Schnittmenge hat folgenden Inhalt:

  • Hyperfokus
  • Reizempfindlichkeit (Licht, Geräusche/Lärm, Geruch/Gestank, Berührungen)
  • Reduzierte Energiereserven
  • (Synästhesie & MirrorTouch)
  • Dauerhafte anstrengende Anpassungsleistung (Masking)
  • Ablehnungsangst/-empfindlichkeit
  • Soziale Ängste/Beziehungsfindung/-pflege
  • Stimming

Mein #ADHS-Coaching Teil 5

Teil 5: Wie wir Konflikte und Ärgernisse als Chancen erkennen können  | Emotions- und Impulsregulation

[Disa] Nach der Sommerpause und zwei Sitzungen, in denen es mehr oder weniger um das Vertiefen des früher Besprochenen und um meinen Umzug gegangen war, komme ich dieses Mal erstmalig ohne wirklich brennendes Anliegen in die Sitzung. Ich blicke dankbar zurück auf all das, was sich bereits zum Besseren verändert hat, seit ich die Medikamente, die mir Dr. ADHS verschrieben hat, nehme und im ADHS-Coaching bin.

Ich habe im letzten Jahr viel Lebensqualität dazugewonnen, die Unterstützung durch das Medikament hat viel bewirkt. Ich erinnere uns daran, wie fremd sich am Anfang dieser Umstand, dass ich nicht mehr die ganzen vielen Reize wahrnehme, nicht mehr alles sehe, höre und mitbekomme, weil ich jetzt filtern kann, angefühlt hat. Dass ich auf einmal Grenzen habe, nicht mehr energiemäßig immer auslaufe und mitfühlend ständig über meine Grenzen fließe. Wie ich deswegen aber auch vergesslicher geworden bin, mir neue Merkstrategien aneignen musste … alles in allem, sage ich, fühle ich mich heute viel stabiler, die Außenhaut ist dichter geworden, ich habe keine Lecks mehr – zumindest viel weniger.

Welches denn all die Themen seien, die Dr. ADHS normalerweise in ihren Coachings bearbeite, will ich deshalb wissen.

Dr. ADHS zählt die Überthemen auf, die für ADHS-Betroffene oft Baustellen sind:

  • Motivation/Selbstmotivation
  • Impuls- und Emotionsregulation
  • Planung/Organisation
  • Zeitgestaltung
  • Kommunikation: die Dritten und das Umfeld

Es sei allerdings sinnvoller, die Themen nicht theoretisch abzuhandeln, sondern sie in den persönlichen Kontext zu stellen.

Bei den ersten beiden Themen habe ich aufgemerkt und mich sogleich an einen kürzlich erlebten Ausraster erinnert. Ich hatte wieder einmal mein Mittel weggelassen. Das tue ich hin und wieder, um den Unterschied bewusst zu spüren. Manchmal auch nur, wenn ich sehr müde bin und tagsüber auf ein längeres Nickerchen hoffe, was mit MPH eben nicht geht (wegen dessen Wachhaltefunktion). Ich nehme dann in Kauf, dass ich womöglich dünnhäutiger sein werde.

Wegen einer Bagatelle war es zu einem unschönen Wortwechsel mit meinem Partner gekommen, ich hatte ihn angeblafft. Kurz hatte es sich gut angefühlt, wie ein Ventil, das endlich Luft ablassen kann, dann aber vor allem beschämend. Früher war ich immer irgendwie (blöderweise) stolz auf meine Selbstkontrolle und Impulsunterdrückung gewesen, ohne mir bewusst zu sein, wie viel Energie ich damit fürs Maskieren des bedürftigen, sich zeigenwollenden Gefühls verbraten habe.

Heute sehe ich das anders. Ich will mich nicht ständig zusammenreißen müssen. Mein Partner ist zum Glück sehr geduldig und wir haben uns später ausgesprochen. Das Gespräch mündete bei mir in der Erkenntnis, dass ich in der erlebten Situation mehr Überblick gebraucht hätte.

Ich erzähle Dr. ADHS von dieser einen Situation, die exemplarisch für andere Momente steht, in denen ich zuweilen ausraste. Meistens sind es physische Dinge, die mich an meine Grenzen bringen. Etwas, das nicht funktioniert; etwas, das ich nicht kann, das mir nicht auf Anhieb gelingt; etwas, das zu lange dauert; etwas, das sich unagenehm anfühlt. Entweder dissoziiere ich dann kurz (früher mehr als heute) und/oder ich verfalle in eine Art (Warte-)Paralyse. Oder ich raste eben verbal kurz aus und schnauze jemanden an.

Ich fühle etwas und reagiere meistens unmittelbar. Das Fühlen an sich kann ich nicht steuern, doch es fühlt sich je nach Tagesform unterschiedlich an. Mal so, mal so. Mal bin ich gelassener, mal ist die Haut dünn. Steuern, oder besser übersteuern – also mit dem Verstand etwas ändern –, kann ich nicht das Fühlen, aber meine Reaktion (und manchmal auch Tagesform und Umfeld), weil ich mich nämlich ja nicht so (mies), sondern besser fühlen will. Gefühle sind immer schneller als Gedanken, das ist evolutionsbedingt, erklärt Dr. ADHS.

Ich habe in meinem Leben viele Erfahrungen gesammelt, habe Erfahrungswerte, weiß im Grunde, was hilft. Möglicherweise kann ich Situationen wie diese punktuell entschärfen, in dem ich vor dem sich anbahnenden Ausrasten kurz aus dem Raum gehe. Oder auf 10 zähle … etc. Generell hilft es nicht, die Gefühle zu ignorieren, sondern sich nach Lösungen umzuschauen.

Im besagten Beispiel ging es um etwas, das mich physisch störte. Doch »das stört mich!« zu sagen – wie nett auch immer – ist natürlich keine Lösung, sie erzeugt nur Schuldgefühle und bringt nicht weiter. Ich will und kann meinen Partner nicht ändern, er ist genau so genau richtig. Ich auch. Take it or leave it, heißt es schließlich, nicht Take it or change it.

Wichtig aber ist, dass ich zu meinen Bedürfnissen stehe und stehen darf. Wie sähe es also aus, wenn wir uns nicht nur nach einem Kompromiss, sondern sogar nach einer Win-Win-Lösung umsähen? Was brauche ich? Was wäre auch gut für meinen Partner?

Dr. ADHS schlägt mir etwas ganz Konkretes vor, etwas materiell Machbares (auf das ich theoretisch auch selbst hätte kommen können) und ich bin extrem angetan von ihrem Vorschlag, zumal er relativ leicht umsetzbar ist. Wäre doch jedes Problem so leicht lösbar. Es ist ein Beispiel, das mir Mut macht. Mut zur Akzeptanz von Bedürfnissen, von Grenzen, von Alternativen. Auch das bedeutet verantwortungsbewusst zu leben.

Ausgangslage ist oft ein Ärgernis, es ist mit einem körperlichen Schmerz vergleichbar, der uns auf eine mögliche Schwachstelle des Körpers aufmerksam macht, um die wir uns kümmern sollten. Das Ärgernis lässt sich nicht immer einfach wegmachen, es verlangt unsere Aufmerksamkeit, unsere Hingabe. Das ist ein wichtiger Moment, der uns zur Suche von Lösungen bringt und zur Verbesserung der Umstände. Im Idealfall sogar zu mehr Lebensqualität.

Abschließend sprechen wir über das jeweilige Lebensglück. Ich bin nicht – durch Selbstverzicht zum Beispiel – für das Lebensglück, das Wohlergehen und die Bedürfnisse meines Partners hauptverantwortlich, er nicht für meins und meine, dennoch wollen und können wir uns gegenseitig Gutes tun. Die letzte Verantwortung haben wir jedoch immer nur für uns selbst.


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Mein #ADHS-Coaching Teil 4

Teil 4: Wie wir Pläne realisieren können | Gedanken- und Impulssteuerung

[Disa] Das war eine richtig gute Sitzung diese Woche. Wir kommen nach kurzen Smalltalksätzen recht schnell zur Sache. Ich erzähle, als sie fragt, was ansteht, von meinem Umzug (innerhalb meines Orts) in wenigen Wochen und wie ich mir dank meines neuen Tools Zenkit* sinnvolle Listen und Wochenpläne erstellt habe; wie das Planen, worüber wir in den letzten Sitzungen gesprochen haben, so langsam bei mir zu funktionieren beginnt und mir tatsächlich beim Leben hilft; wie mir das Medikament fühlbar beim Priorisieren-Können hilft; wie ich endlich Filtern, Wichtiges und Unwichtiges auseinanderhalten kann. Und – sehr spannend! – wie ich feststelle, dass das in den letzten Monaten an neuen Strategien Trainierte, Gelernte, Verstandene sogar greift, wenn ich das Medikament nicht genommen habe. Wie bei meinen früher erlebten Verhaltens- und Traumatherapie‘erfolgen‘ sozusagen.

Diese Erkenntnis greift Dr. ADHS auf und bestätigt, dass das im Idealfall tatsächlich so sein sollte: Also dass ich mein neues Know-How tatsächlich integrieren kann. (Während ich das hier schreibe, überlege ich, wie es wohl wäre, wenn ich langfristig das Medikament nicht mehr nehmen würde, sprich: ob ich die neuen Strategien wieder verlieren würde?)

Ich erzähle, dass ich an den Tagen, an denen ich sehr früh erwache und mich die Umzugssorgen und -überlegungen gleich vom ersten Gedanken bannen und ich darum nicht wieder einschlafen kann, angefangen habe, mein redartiertes MPH-Medikament früher als sonst und in zwei Portionen aufgeteilt zu nehmen. Normalerweise nehme ich es zwischen 8:15 und 9:15, kurz nach dem Wachwerden. Bei mir hält die dopaminrelevante Wirkung etwa 8 Stunden und die Wirkung der Stimulanz (das Wachmachding) etwa 10 Stunden.

Wenn ich das Mittel jedoch bereits um 7:15 nehme, reicht die Wirkung, so meine Überlegung, nicht wirklich bis am Abend und ich bin an solchen Tagen zu früh müde und überhaupt werden solche Tage zu lang für die mir zur Verfügung stehende Energie (was allerdings noch andere Gründe hat). Wenn ich das Mittel an frühwachen Tagen aber erst um 8:15 nehme wie normal, obwohl ich schon ab 7:00 Kopfarbeit verrichte, bekommt mir das nicht gut, denn dann habe ich schon einen Rucksack auf dem Rücken und das Dopamin kommt zu spät und wirkt nicht wirklich so, wie ich es brauche. Es klebt sozusagen oben drauf, weshalb ich die Idee, die Dosis zu teilen und eine Dosis früher zu nehmen, wie es andere aus meiner virtuellen Blasen tun, aufgenommen habe.

Dr. ADHS hört mir zu und fragt, ob ich in den ersten Stunden denn einen Benefit habe, da ich in dieser Phase ja nur die halbe Kraft des Filters zur Verfügung hätte. Ich stelle die oben schon erwähnte Frage, ob es denn sein könne, dass ich manche gelernte Dinge inzwischen auch ohne genug Dopamin hinbekommen könne. Was sie bejaht, denn letztlich sei das Coaching eine Art Verhaltenstraining (siehe oben). Die ersten Stunden bis zur Einnahme der zweiten Hälfte des Mittels arbeite ich also – vorausgesetzt wir haben für mich die richtige Dosis herausgefunden – mit halber Dopamindosis-Hirnleistung und mit halber ADHS-Hirnleistung. Geht aber und ist, jedenfalls für mich, besser als es später zu nehmen.

Dr. ADHS zeichnet eine Skizze zur Veranschaulichung. Da ist die berühmte x/y-Zeitachse und als Wellenlinie darüber, parallel zur Zeitachse, meine gefundene Idealdosis. Wenn ich diese halbiere (hier malt sie einen roten Klotz), stehen mir am Anfang eben nur die Hälfte der Dopamintransporter zur Verfügung, wenn ich später die zweite Hälfte nehme, werden diese – da es ja während der Wirkzeit der ersten Dosis passiert – aufaddiert und ich verlängere tatsächlich meine Wirkzeit-Länge. »Irgendwie schlau«, sagt Dr. ADHS lächelnd, und ich weiß nicht, ob sie meine Strategie, die ich von anderen Betroffenen abgeguckt habe, nicht kannte oder ob sie einfach nur von Fall zu Fall über solche Möglichkeiten spricht, die vielleicht eben nicht für alle passen.

Wir sprechen in diesem Kontext nun darüber, wie lange mich die Stimulanzwirkung wach macht und ob das vielleicht mein Einschlafen beeinflussen könnte. Doch da ich eh nie vor 22 Uhr ins Bett gehe, bin ich fast sicher, dass ich die zweite Dosis problemlos bis um 12 Uhr nehmen kann.

(An den Tagen nach der Sitzung probiere ich es mit Zweidrittel- und Eindrittel-Dosen und stelle fest, dass das noch ein bisschen besser ist als halb/halb. Das ist, wie alles, was ich hier schreibe, allerdings nur meine persönliche Erfahrung.)

Nun kommen wir auf das Planen unter Umzugsbedingungen zu sprechen. Ich erzähle davon, wie mein Hirn, sobald es wach ist, zu arbeiten, zu packen, zu planen anfängt. Dass ich Dinge, die ich später zu tun gedenke, zuerst im Kopf mache, mir buchstäblich das WIE vorstelle. Bilder abnehmen, Bilder nach Größe sortieren, in Decken wickeln. In Kisten verpacken. So und so, die und die Handgriffe. Schließlich Kisten nummerieren und anschreiben und in die Zenkit-Liste eintragen. Alles sehr kleinteilige, sehr stringente Abläufe. Ich erinnere mich, dass ich das so ähnlich zwar immer schon gemacht habe, meine aber, dass ich jetzt in längeren und detailllierteren Abläufen denken kann.

Doof daran und absolut nicht neu ist, dass ich mich tendenziell in Gedanken, die sich in wiederholenden Endlosschleifen drehen, verfange – zumal ich frühmorgens beim Wachwerden ja noch keine zusätzlichen Dopamintransporter intus habe. Sie legen los, sobald ich wach bin und in der Wohnung herumgucke. Was mir fehlt, ist eine Strategie, um meine Gedanken besser steuern zu können. Nicht nur jetzt, wo der Umzug so viel Energie braucht.

Die erste Übung, mir via Planung neue Handlungsabläufe und Verhaltensweisen anzueignen, habe ich inzwischen drauf und in den letzten Wochen geübt. So ziemlich. Jedenfalls theoretisch. Nennen wir das »Handeln, wann?« oder schlicht Planen. Tatsächlich sind aus neuen vertraute Abläufe geworden.

Bei der nächsten Übung geht es nun also darum Impulse, Denken und Handeln selbst zu steuern, statt ihnen ausgeliefert zu sein. Sie in konkrete Abläufe, in ein konkretes »Wie?« zu überführen. (Das betrifft nun den Präfrontalen Cortex, der, wie ich in früheren Sitzungen gelernt habe, für die Gedankensteuerung zuständig ist.) Gedanken sind in erster Linie Impulse. Impulssteuerung heißt zum Beispiel, dass ich Gedanken, wenn sie kommen, verschieben kann, etwas anderes denken.

Wenn ich – als Beispiel – den Gedanken, wie ich die Bilder einpacken werde, einmal zu Ende gedacht habe, ihn, wenn er ein zweites Mal auftaucht, nicht mehr weiter denken muss, weil ich ihn zu steuern gelernt habe. Dabei hilft es ganz praktisch, ihn auf einer Liste zu vermerken und/oder ganz bewusst etwas anderes zu denken, damit im Hirn wieder Platz für etwas anderes ist. Listen können Gedanken auslagern.

In mir drin klingt das nach einem riesigen unüberwindlichen Das-geht-doch-gar-nicht!, denn in meinem Leben habe ich das ja schon oft probiert. Doch habe ich es wirklich schon richtig probiert, seit ich das Medikament nehme? Nein. Nicht so richtig. Ich werde es jedenfalls als nächsten Übungspunkt angehen. Beobachten, ob es funktioniert. Beobachten, ob ich meine Skepsis überwinden kann. Beobachten, warum und wann es geht oder nicht.

In den Tagen seit der Sitzung versuchte ich, Gedanken, für die ich gerade den Nerv nicht habe, zu verschieben. Dabei helfen mir Vorstellungen – wie das Schließen eines Browsertabs – oder konkretes Swichen/Umdenken. Ich nenne es für mich die Mentale-Hängematte-Aufhängen. Ich übe und beobachte und bin echt gespannt, ob und wie ich dieses WIE schließlich in den Alltag integrieren kann. Es ist aus meiner Sicht gerade eine High Level-Herausforderung.

Apropos Level: Ich habe neulich einen Podcast* gehört, bei welchem die Unterschiede zwischen Neurodiversität und Neurotypie unter anderem mit dem Spielen eines Handyspiels erklärt werden. Beide spielen wir das gleiche Spiel, doch das erste Level der Neurodiversen ist von Anfang an höher als das erste Level von Neurotypischen. Wenn Neurotypische sagen »Das ist ja ganz einfach, dieses erste Level, ich weiß nicht, was du hast!«, verstehen das Neurodiverse nicht, denn es ist ganz und gar nicht einfach, dieses erste Level. Dr. ADHS findet dieses Bild sehr anschaulich.

Im Gespräch realisiere ich, dass ich seit Diagnosebeginn bereits ein Jahr mit Dr. ADHS zusammenarbeite und was sich seither schon alles für mich zum Guten verändert hat.


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Teil 2
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*persönliche Empfehlung, keine Werbeeinnahmen

Mein #ADHS-Coaching Teil 3

Teil 3: Warum wir planen sollten | Orientierung

[Disa] Zu Beginn meiner dritten Coaching-Sitzung zum besseren Umgang mit ADHS erzähle ich meiner Ärztin – nennen wir sie doch einfach Frau Dr. ADHS –, wie es mir die letzten drei Wochen mit dem Planen meiner Wochen-Lebenszeit ergangen ist, wo ich Probleme hatte, was gelungen und was mir aufgefallen ist.

Ich gestehe ihr, dass ich den Plan selten einhalten konnte. Meistens habe ich »gemogelt« und meine nicht geschafften Post-it-To-dos abends auf die restlichen Wochentage umverteilt. Manchmal lag es an der zu kurz bemessenen Zeit, manchmal an fehlender Lust und meistens daran, dass neue Aufgaben dazu gekommen sind, die dringender waren. Definitiv gut für mich ist, dass mich mein Wochenplan ruhiger macht. Die Dinge bekommen, dadurch dass sie benannt und als Aufgaben definiert sind, in meinen Augen mehr Wert und eine Art Daseinsberechtigung, insbesondere jene Dinge, die vorher immer unter dem Radar gelaufen sind, all jene Dinge, die ich bisher zwischendrin erledigt habe. Problemlösungen technischer Art zum Beispiel, wie ich sie in der vorletzte Woche gehäuft zu erledigen hatte.

Ich erzähle davon, wie ich inzwischen immer besser Aufgaben, die sich mir spontan in den Weg stellen, entschieden und bewusst auf später verschiebe, weil ich an etwas dran bin. Ich merke sie mir aber als Zu-Erledigendes, indem ich mir sie ein paar Mal vorsage. (Z. B.: »Diese Ecke räume ich nachher auf!«) Auch gelingt mir das Feierabendmachen irgendwie besser, seit ich den Wochenplan habe.

Meine Ärztin hört aufmerksam zu. Sie betont, dass wir diese Pläne nicht machen, um sie voll und ganz einzuhalten – was selbst bei bester Planung gerade mal zu 60 % gelinge, wie Erfahrungen zeigen. Wir erstellen solche Pläne zu unserer Orientierung. Wir machen sie, damit wir wissen, sehen, uns bewusst machen können, wann was zu tun ist. Um uns einen Überblick über das System Zeit, in der wir leben, zu verschaffen. Weitere Ziele sind, ein Gespür für Dauer, Energieaufwand und beste Tageszeit für die jeweiligen Aufgaben zu bekommen.

Dr. ADHS erinnert mich daran, dass es nicht nur um die Planung von Arbeit geht, sondern darum, unser Leben zu planen, Ziele zu haben, es nicht dem Zufall und den Umständen, spontanen Ideen und den Gewohnheiten zu überlassen. Es geht darum, realistisch planen zu lernen, also so, dass ich die Dinge, die ich tun will und soll (Arbeit und Freizeit), so plane, dass sie zeitlich aufgehen und dass ich sie erledigt bekomme, WENN nichts dazwischen kommt. Angefangen mit Fixterminen und Fristen, die eingeplant werden müssen. Anschließend werden die Tage mit den flexiblen Dingen, Aufgaben, Haushaltdingen, Freizeitdingen »aufgefüllt«.

Wir brauchen ja nicht noch ein neues Korsett mehr, sondern Werkzeuge, um unseren Alltag einfacher zu machen. Ich spreche Selbstdisziplin an, die mir, so sage ich, deutlich leichter fällt, seit ich das Medikament nehme. Sie findet den Begriff schwierig, negativ behaftet, spricht lieber von Zuverlässigkeit, von Verlässlichkeit. Stimmt, so kann ich es tatsächlich auch sehen; ich kann mich wirklich inzwischen besser auf mich verlassen, seit ich das Medikament nehme. Das Hirn hat genug Dopamin.

Ich lerne laufend dazu, gehe neue Wege, etabliere und trainiere neue Verhaltensmuster, nach und nach entstehen so neue neuronale Verbindungen im Hirn. Diese greifen allmählich auch dann, wenn ich das Medikament nicht nehme oder am Abend, wenn das Medikament eh nicht mehr wirkt.

ADHS-Betroffene, so sagt Frau ADHS, neigen dazu, ihr »Versagen« zu betonen, sich selbst zu blamen, einfach, weil wir sind, wie wir sind, anders eben als ein großer Teil der Bevölkerung. Das sei, sagt sie, pure Energieverschwendung. Wir sollten uns besser auf die Schulter klopfen für alles, was wir trotz erschwerter Lebensbedingungenschon geschafft haben. Ja, und uns auch gegenseitig ermutigen, sagt sie, als ich das Thema Peer groups anschneide. Frau ADHS findet es sehr gut, sich auszutauschen und voneinander zu lernen, sich auch virtuell zu vernetzen.

Jetzt sprechen wir über meine Ungeduld, denn am liebsten würde ich ja fast forward drücken und alles, was da noch zu lernen ist, schon gelernt haben. Frau ADHS schaut in ihren Laptop und rechnet mir vor, wie lange ich nun schon bei ihr bin (noch kein Jahr) und wie lange ich schon die Medikamente nehme (erst knapp ein halbes Jahr). Na also, das ist doch noch nicht lange und ich hätte, so sagt sie, bereits so viel gelernt. Wir sprechen über den Druck, den Therapieerfolgserwartungen bei uns auslösen. Letztlich sind und bleiben wir doch immer uns selbst, das sollten wir nicht vergessen. Wir können nicht jegliche Fortschritte auf Dritte oder Medikamente delegieren. Es ist immer noch unser Leben und wir die Akteur*innen. Erwartungen lösen unnötigen Stress aus, führen zu Ungeduld. Gesünder wäre es, uns für die einzelnen Schritte Respekt zu zollen, uns mit Geduld zu begegnen. Und wenn uns jemand erzählt »So geht es mir auch!«, wenn wir von unseren Symptomen erzählen, können wir getrost sagen: »Du hast das ab und zu, aber ich habe es immer.«

Als wir über Erwartungshaltung sprechen, sage ich, dass ich immer mal wieder gefragt werde, wie es denn mit der Abhängigkeit bei ADHS-Medikamenten sei. Dabei geraten wir in ein kleines philosophisches Gespräch. Süchtig nach Methylphenidat können wir, sagt sie, nur werden, wenn wir es überdosieren. Wenn wir nicht beim gewünschten und eigentlichen Dopamin-Effekt bleiben, sondern die für uns Betroffene unerwünschten Nebenwirkungen durch zu viel Dopamin – wie Dauerwachsein, Aufgedrehtsein, Appetitlosigkeit, Hyperhochfokussiertsein – erleben. Bei Überdosierung komme nämlich weniger der eigentliche, gewünschte Dopamineffekt, sondern die Substanz an sich, die wachhält, zum Tragen. Wer ständig überdosiert sei und dann das Mittel pausiere, könne durchaus Entzugserscheinungen haben, die allerdings eher einer Art Rebound* geschuldet seien. Wenn wir uns, sobald wir das Mittel pausieren, depressiver fühlen, sei das nicht ein eigentliches Entzugssymptom. Wir bleiben auch mit der Medizin die Menschen, die wir sind mit all unseren Eigenschaften. Falsche, überhöhte Erwartungen an das Mittel oder die Therapie an sich seien, wie schon gesagt, Stressoren, die uns sehr unter Druck setzen können.


*In der Pharmakologie bezeichnet das Rebound-Phänomen eine überschießende Gegenreaktion des Organismus bei abruptem Absetzen eines Medikaments. Quelle
Als Rebound-Effekt oder Absetz-Effekt (von engl. rebound ‚Rückprall‘) wird das verstärkte Wiederauftreten von Symptomen infolge des Nachlassen der Medikamentenwirkung (vornehmlich Stimulanzien) bezeichnet. Bis zu einem Drittel der mit Stimulanzien behandelten ADHS-Patienten erleben beeinträchtigende Rebound-Effekte. Quelle

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