Leben machen – Teil 5, in dem es um Hibbelmärchen geht

[Janne]
Viele der Quatschgeschichten rund ums Kindermachen und Gebären nennt man „Ammenmärchen“.
Ich glaube, dass es Hibbelmärchen sind. Geschichten gegen das Zerriebenwerden zwischen Hoffen und Bangen. Storys gegen die Unsicherheit.

Menschen erzählen sich von jeher Geschichten, um ihre Erfahrungen zu teilen und besprechbar zu machen. Menschen lernen so voneinander, dass Innen- und Außensicht miteinander zusammenhängen. Dass alles etwas macht und nichts ohne Bedeutung ist.

Heute sind unsere Möglichkeiten Geschichten zu erzählen andere als früher. Wir erzählen Geschichten nicht mehr nur in der Familie oder dem direkten sozialen Umfluss, in dem wir leben. Wir können unsere Zuhörer*innenschaft in einem Umfang und mit einer Präzision wählen, wie noch nie zuvor.
Doch der Anlass für unsere Hibbelmärchen ist universell. Wir, die kinderwünschigen, schwangeren, bald gebärenden oder bereits geboren habenden Menschen, erzählen alle das Gleiche. Im Kern. Ganz abstrakt betrachtet.

Wir sind konfrontiert mit etwas Unvorhersehbarem, Unplanbarem, bis heute in Teilen noch Geheimnisvollem. Und die einzige Sicherheit, die wir haben ist, genau das: Dass es so ist, schon immer war und in unserem Leben für uns ganz persönlich auch nicht anders sein wird. Höchstwahrscheinlich.
Man weiß einfach nicht, was kommt. Selbst wenn man ganz genau weiß, was kommt.

Ich mag so umfassende Unsicherheiten nicht.
Wie viele autistische Menschen habe ich bereits unzählige Unsicherheiten im Leben. Bin ich bereits von Geheimnissen umgeben, die ich nie lüften werde.
Man kann mich leicht verwirren. Schnell verunsichern. Viele Menschen kennen mich nur im Unklaren darüber, was passiert ist, was gerade passiert und was passieren wird. Meine Wahrnehmung ist so breit und detailorientiert, dass ich auf komplexe Hypothesen und oft genug auch bloßes Drauflosmachen angewiesen bin. Es ist mein Normal keine Ahnung und keine Storys gegen die Unsicherheit zu haben. Mir helfen Geschichten nicht. Ich brauche Eindeutigkeit. Daher bevorzuge ich Datensammlungen und nutze meine Fähigkeit zur Mustererkennung, um die Lage zu analysieren und einzuordnen.

Seit ein paar Tagen träume ich von Schwangerschaft und Diffusität. Und habe noch 6 Tage, bis ich den ersten Test machen kann. Das ist die Hibbelphase. Meine erste mit so einer Häufung von Träumen. Es ist der erste Zyklus, in dem wir nur einen Versuch hatten. Der erste, in dem ich vor dem Eisprung krank war. Der erste, den ich mit einem Ovulationsmonitor getrackt habe. Der erste, in dem wir es morgens versucht haben. Der erste, in dem ich nicht von den letzten Orgasmuswellen in den Schlaf gelullt wurde, sondern den halben Tag darüber nachdachte, wie viele Spermien ich an die Schwerkraft verloren habe.

So vorgetragen ist aber selbst meine Datenanalyse eine Geschichte, oder?
Wäre es nicht toll, würde ich das erzählen können? „Wir haben es so lange versucht und haben anfangs immer gemacht, was wir für das organisatorisch effizienteste gehalten haben. Das hat nie geklappt. Aber dann haben wir umstandsgedrungen gemacht, was ging und das hat funktioniert. Wow!“

Aber würde es anderen helfen? Gut tun? Was machen Erzählungen dieser Art mit kinderwünschigen Menschen, die schon oft ihr Protokoll haben lassen (müssen), ohne, dass es für sie funktioniert hat? Entsteht durch diese Geschichten nicht erst der Wunsch, dass es bei ihnen auch so wird?
Sind unsere Geschichten Hoffnungsdünger voller Wunschsamen? Die großen Blätter unserer Geschichten das, was uns nicht zerfallen lässt, wenn die Realität in ihrer Unerbittlichkeit auf uns einwirkt?

Brauchen wir Hibbelmärchen, um die Unsicherheit zu überleben oder um die Realität zu spüren?