Was bei #ADHS helfen kann | Medikamente nehmen Teil 2

[Disa] Am Anfang dieser Sitzung bitte ich darum, das von mir gehasste Händeschütteln wegzulassen. Für Dr. ADHS kein Problem. Ich stelle fest, dass ich allmählich mehr zu meinen Bedürfnissen stehen kann. Das ist nur ein kleines Beispiel von vielen positiven Auswirkungen meiner späten ADHS-Diagnose.

Dr. ADHS fragt, ob ich zur generellen Wirksamkeit der ADHS-Medikament bezogen auf die Hirnaktivität – also was wir in der letzten Sitzung angeschaut haben – noch Fragen habe. Ich fasse kurz zusammen, was ich verstanden habe. Mich interessiert vor allem, welches die für mich richtige Dosis ist und welches Mittel zu mir passt. Ich habe keine Ahnung, wie das Eindosieren funktioniert, kenne nur das Vorgehen bei Antidepressiva, wo wöchentlich oder auch täglich ein bisschen mehr genommen wird. Als zweites stelle ich die Frage, ob denn ein Dopaminmangel, wie ich ihn ja offenbar habe, verantwortlich für Depressionen sei.

Auf die erste Frage antwortet sie, dass dem nicht so sei. Ich werde nicht einfach jeden Tag ein wenig mehr nehmen, denn das Medikament schaffe ja keinen Spiegel. Wie genau die richtige Dosis erkannt werde, erkläre sie mir später.

Zur zweiten Frage sagt sie, dass nicht Dopamin- sondern Serontoninmangel für Depressionen verantwortlich sei. Das seien, wie wir schon früher mal besprochen haben, Antagonisten. Während allerdings die Gabe von Dopamin das Serontonin nicht groß beeinflusse (allenfalls könnte die Zwangsstörung stärker werden), könne es umgekehrt bei Serontoningabe der ADHS-spezifische Dopaminmangel noch verstärkt werden. (Ich meine mich tatsächlich zu erinnern, dass ich, während der AD-Phasen noch hyperiger/gespeedeter gewesen bin. Hm. Oke. Interessant. Das mal im Kopf behalten.)

Schließlich holt Dr. ADHS einen selbstgemalten Vordruck, worauf sie mir die Wirksamkeit der vier für mich am Anfang zur Auswahl stehenden Medikamente demonstriert. Es sind Methylphenidate. Unser Plan ist es, die richtige Dosis zu finden, damit ich mich selbst besser steuern kann und nicht mehr vom Dopaminmangel gesteuert werde.

Focalin ist das neueste Medikament – nur in der Schweiz und den USA erhältlich – und lässt sich am feinsten dosieren. Gegen Medikinet spricht bei mir, dass ich dazu zwingend frühstücken müsste. Was ich aber ja nicht tue. Respektive meine erste Mahlzeit selten vor 10 Uhr einnehme, eher so um 11-12 Uhr irgendwann. So wählte ich zwischen Concerta und Focalin und entschied mich relativ spontan für Focalin, weil es sich fein dosieren lässt.

Medikamente und Stimulanzien werden in jedem Körper unterschiedlich verstoffwechselt. Je nachdem wie unsere Hirne eben ticken (mir fällt leider der richtige Begriff nicht mehr ein). Da gibt es wohl drei Arten des Verwertungsprozesses: die Schnell-Schnell-Kombi, die Schnell-Langsam-Kombi und die Langsam-Langsam-Kombi. (85 % gehören zur Schnell-Langsam-Kombi, 5 % zur Schnell-Schnell- und 10 % zur Langsam-Langsam-Kombi, wenn ich mir das richtig gemerkt habe.)

Während die Wirksamkeitskurve für alle Benutzer*innen relativ ähnlich ist, ist die Kurve des Ausfadens des Mittels unterschiedlich lang. Je nachdem, wie ich ticke, wird das Mittel früher oder später abgebaut. Bei Focalin könne es durchaus zu einem Rebound*-Effekt kommen, heißt wenn das Mittel zu wirken aufhört, kann sich der ’frühere Normalzustand’ schwieriger als sonst anfühlen.

Was ADHS-Medikamente von anderen (z. B. Schmerz-)Mitteln unterscheidet, ist, dass die Wirkung der eigentlichen Stimulanz nebensächlich ist. In zu hoher Dosis verabreicht wirken ADHS-Medikamente wie Drogen, sie machen wach, appetitlos, aufgedreht, was allerdings weder zentral noch erwünscht ist; diese Wirkungen kommen nur bei zu hoher Dosis vor. Genau darum ist es so wichtig, die genau richtige Dosis herauszufinden.

Ich soll drei Tage nacheinander morgens je eine 5 mg-Kapsel Focalin (was 10 mg MPH entspricht) einnehmen, bevor ich große Denk- und Arbeitsleistung erbringe, und genau beobachten, wie es wirkt. Wann es wirkt. Was genau passiert. Danach soll ich zwei Tage kein Mittel nehmen und mich auf die Unterschiede konzentrieren. Schließlich alles protokollieren und ihr, Dr. ADHS, mailen, was ich dabei erlebt habe. Sie werde auf meine Beobachtungen reagieren und mir umgehend Anweisungen geben, wie ich weitermachen solle.

Für mich klingt das alles ziemlich unheimlich, gruselig … dennoch möchte ich herausfinden, wie es sich anfühlt, wenn im Kopf so etwas wie Ruhe ist. Und wie es sich anfühlt, wenn ich die Dinge selbst steuern kann. Selbst entscheiden, worauf ich mich einlassen und konzetrieren will und nicht, wie eben vorhin erlebt, gleichzeitig Dinge wahrnehmen, schreiben, Bilder bearbeiten, eine Mail beantworten, mit Freundinnen chatten … und für alles immer nur halbe Konzentration aufbringen.

Doch jetzt gehe ich erstmal in die Apotheke und hole mir meine erste Schachtel Focalin. Morgen fängt das neue Leben an. Oder so. Puh.

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INFO: Diesen Text habe ich im Oktober 2023 geschrieben. Seither hat sich für mich dank Focalin vieles zum Besseren gewendet.


*Der Begriff Rebound oder Absetzeffekt (von engl. rebound ‚Rückprall‘) bezeichnet in der Medizin das verstärkte Wiederauftreten von Symptomen einer medikamentös behandelten Erkrankung nach Absetzen der Arzneimittel.

Teil 1
Teil 3
Teil 4

Fortsetzung folgt

Mein #ADHS-Coaching Teil 4

Teil 4: Wie wir Pläne realisieren können | Gedanken- und Impulssteuerung

[Disa] Das war eine richtig gute Sitzung diese Woche. Wir kommen nach kurzen Smalltalksätzen recht schnell zur Sache. Ich erzähle, als sie fragt, was ansteht, von meinem Umzug (innerhalb meines Orts) in wenigen Wochen und wie ich mir dank meines neuen Tools Zenkit* sinnvolle Listen und Wochenpläne erstellt habe; wie das Planen, worüber wir in den letzten Sitzungen gesprochen haben, so langsam bei mir zu funktionieren beginnt und mir tatsächlich beim Leben hilft; wie mir das Medikament fühlbar beim Priorisieren-Können hilft; wie ich endlich Filtern, Wichtiges und Unwichtiges auseinanderhalten kann. Und – sehr spannend! – wie ich feststelle, dass das in den letzten Monaten an neuen Strategien Trainierte, Gelernte, Verstandene sogar greift, wenn ich das Medikament nicht genommen habe. Wie bei meinen früher erlebten Verhaltens- und Traumatherapie‘erfolgen‘ sozusagen.

Diese Erkenntnis greift Dr. ADHS auf und bestätigt, dass das im Idealfall tatsächlich so sein sollte: Also dass ich mein neues Know-How tatsächlich integrieren kann. (Während ich das hier schreibe, überlege ich, wie es wohl wäre, wenn ich langfristig das Medikament nicht mehr nehmen würde, sprich: ob ich die neuen Strategien wieder verlieren würde?)

Ich erzähle, dass ich an den Tagen, an denen ich sehr früh erwache und mich die Umzugssorgen und -überlegungen gleich vom ersten Gedanken bannen und ich darum nicht wieder einschlafen kann, angefangen habe, mein redartiertes MPH-Medikament früher als sonst und in zwei Portionen aufgeteilt zu nehmen. Normalerweise nehme ich es zwischen 8:15 und 9:15, kurz nach dem Wachwerden. Bei mir hält die dopaminrelevante Wirkung etwa 8 Stunden und die Wirkung der Stimulanz (das Wachmachding) etwa 10 Stunden.

Wenn ich das Mittel jedoch bereits um 7:15 nehme, reicht die Wirkung, so meine Überlegung, nicht wirklich bis am Abend und ich bin an solchen Tagen zu früh müde und überhaupt werden solche Tage zu lang für die mir zur Verfügung stehende Energie (was allerdings noch andere Gründe hat). Wenn ich das Mittel an frühwachen Tagen aber erst um 8:15 nehme wie normal, obwohl ich schon ab 7:00 Kopfarbeit verrichte, bekommt mir das nicht gut, denn dann habe ich schon einen Rucksack auf dem Rücken und das Dopamin kommt zu spät und wirkt nicht wirklich so, wie ich es brauche. Es klebt sozusagen oben drauf, weshalb ich die Idee, die Dosis zu teilen und eine Dosis früher zu nehmen, wie es andere aus meiner virtuellen Blasen tun, aufgenommen habe.

Dr. ADHS hört mir zu und fragt, ob ich in den ersten Stunden denn einen Benefit habe, da ich in dieser Phase ja nur die halbe Kraft des Filters zur Verfügung hätte. Ich stelle die oben schon erwähnte Frage, ob es denn sein könne, dass ich manche gelernte Dinge inzwischen auch ohne genug Dopamin hinbekommen könne. Was sie bejaht, denn letztlich sei das Coaching eine Art Verhaltenstraining (siehe oben). Die ersten Stunden bis zur Einnahme der zweiten Hälfte des Mittels arbeite ich also – vorausgesetzt wir haben für mich die richtige Dosis herausgefunden – mit halber Dopamindosis-Hirnleistung und mit halber ADHS-Hirnleistung. Geht aber und ist, jedenfalls für mich, besser als es später zu nehmen.

Dr. ADHS zeichnet eine Skizze zur Veranschaulichung. Da ist die berühmte x/y-Zeitachse und als Wellenlinie darüber, parallel zur Zeitachse, meine gefundene Idealdosis. Wenn ich diese halbiere (hier malt sie einen roten Klotz), stehen mir am Anfang eben nur die Hälfte der Dopamintransporter zur Verfügung, wenn ich später die zweite Hälfte nehme, werden diese – da es ja während der Wirkzeit der ersten Dosis passiert – aufaddiert und ich verlängere tatsächlich meine Wirkzeit-Länge. »Irgendwie schlau«, sagt Dr. ADHS lächelnd, und ich weiß nicht, ob sie meine Strategie, die ich von anderen Betroffenen abgeguckt habe, nicht kannte oder ob sie einfach nur von Fall zu Fall über solche Möglichkeiten spricht, die vielleicht eben nicht für alle passen.

Wir sprechen in diesem Kontext nun darüber, wie lange mich die Stimulanzwirkung wach macht und ob das vielleicht mein Einschlafen beeinflussen könnte. Doch da ich eh nie vor 22 Uhr ins Bett gehe, bin ich fast sicher, dass ich die zweite Dosis problemlos bis um 12 Uhr nehmen kann.

(An den Tagen nach der Sitzung probiere ich es mit Zweidrittel- und Eindrittel-Dosen und stelle fest, dass das noch ein bisschen besser ist als halb/halb. Das ist, wie alles, was ich hier schreibe, allerdings nur meine persönliche Erfahrung.)

Nun kommen wir auf das Planen unter Umzugsbedingungen zu sprechen. Ich erzähle davon, wie mein Hirn, sobald es wach ist, zu arbeiten, zu packen, zu planen anfängt. Dass ich Dinge, die ich später zu tun gedenke, zuerst im Kopf mache, mir buchstäblich das WIE vorstelle. Bilder abnehmen, Bilder nach Größe sortieren, in Decken wickeln. In Kisten verpacken. So und so, die und die Handgriffe. Schließlich Kisten nummerieren und anschreiben und in die Zenkit-Liste eintragen. Alles sehr kleinteilige, sehr stringente Abläufe. Ich erinnere mich, dass ich das so ähnlich zwar immer schon gemacht habe, meine aber, dass ich jetzt in längeren und detailllierteren Abläufen denken kann.

Doof daran und absolut nicht neu ist, dass ich mich tendenziell in Gedanken, die sich in wiederholenden Endlosschleifen drehen, verfange – zumal ich frühmorgens beim Wachwerden ja noch keine zusätzlichen Dopamintransporter intus habe. Sie legen los, sobald ich wach bin und in der Wohnung herumgucke. Was mir fehlt, ist eine Strategie, um meine Gedanken besser steuern zu können. Nicht nur jetzt, wo der Umzug so viel Energie braucht.

Die erste Übung, mir via Planung neue Handlungsabläufe und Verhaltensweisen anzueignen, habe ich inzwischen drauf und in den letzten Wochen geübt. So ziemlich. Jedenfalls theoretisch. Nennen wir das »Handeln, wann?« oder schlicht Planen. Tatsächlich sind aus neuen vertraute Abläufe geworden.

Bei der nächsten Übung geht es nun also darum Impulse, Denken und Handeln selbst zu steuern, statt ihnen ausgeliefert zu sein. Sie in konkrete Abläufe, in ein konkretes »Wie?« zu überführen. (Das betrifft nun den Präfrontalen Cortex, der, wie ich in früheren Sitzungen gelernt habe, für die Gedankensteuerung zuständig ist.) Gedanken sind in erster Linie Impulse. Impulssteuerung heißt zum Beispiel, dass ich Gedanken, wenn sie kommen, verschieben kann, etwas anderes denken.

Wenn ich – als Beispiel – den Gedanken, wie ich die Bilder einpacken werde, einmal zu Ende gedacht habe, ihn, wenn er ein zweites Mal auftaucht, nicht mehr weiter denken muss, weil ich ihn zu steuern gelernt habe. Dabei hilft es ganz praktisch, ihn auf einer Liste zu vermerken und/oder ganz bewusst etwas anderes zu denken, damit im Hirn wieder Platz für etwas anderes ist. Listen können Gedanken auslagern.

In mir drin klingt das nach einem riesigen unüberwindlichen Das-geht-doch-gar-nicht!, denn in meinem Leben habe ich das ja schon oft probiert. Doch habe ich es wirklich schon richtig probiert, seit ich das Medikament nehme? Nein. Nicht so richtig. Ich werde es jedenfalls als nächsten Übungspunkt angehen. Beobachten, ob es funktioniert. Beobachten, ob ich meine Skepsis überwinden kann. Beobachten, warum und wann es geht oder nicht.

In den Tagen seit der Sitzung versuchte ich, Gedanken, für die ich gerade den Nerv nicht habe, zu verschieben. Dabei helfen mir Vorstellungen – wie das Schließen eines Browsertabs – oder konkretes Swichen/Umdenken. Ich nenne es für mich die Mentale-Hängematte-Aufhängen. Ich übe und beobachte und bin echt gespannt, ob und wie ich dieses WIE schließlich in den Alltag integrieren kann. Es ist aus meiner Sicht gerade eine High Level-Herausforderung.

Apropos Level: Ich habe neulich einen Podcast* gehört, bei welchem die Unterschiede zwischen Neurodiversität und Neurotypie unter anderem mit dem Spielen eines Handyspiels erklärt werden. Beide spielen wir das gleiche Spiel, doch das erste Level der Neurodiversen ist von Anfang an höher als das erste Level von Neurotypischen. Wenn Neurotypische sagen »Das ist ja ganz einfach, dieses erste Level, ich weiß nicht, was du hast!«, verstehen das Neurodiverse nicht, denn es ist ganz und gar nicht einfach, dieses erste Level. Dr. ADHS findet dieses Bild sehr anschaulich.

Im Gespräch realisiere ich, dass ich seit Diagnosebeginn bereits ein Jahr mit Dr. ADHS zusammenarbeite und was sich seither schon alles für mich zum Guten verändert hat.


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Fortsetzung folgt

*persönliche Empfehlung, keine Werbeeinnahmen

Was bei #ADHS helfen kann | Medikamente nehmen Teil 1

[Disa] »Wie ist das eigentlich? Wie war das bei dir, als du angefangen hast, ADHS-Medikamente zu nehmen? Und heißt es eigentlich Medikamente für oder gegen ADHS?« Diese Frage wurde mir – nach dem ich da und dort von meiner jüngt erhaltenen ADHS-Diagnose zu erzählen begonnen habe – immer mal wieder so oder ähnlich gestellt.

Voranstellen muss ich, dass ich keine Medikamente nehmen wollte, bevor ich verstanden habe, wie ein ADHS-Hirn tickt. Bis jetzt habe ich ja sowohl ohne Diagnose als auch ohne Medikamente gelebt. Allerdings mit wachsendem Leidensdruck. Gut zu wissen, dass sowohl Diagnose als auch Medikation im Grunde nur bei Leidensdruck wichtig sind.

Als ich zu verstehen begann, wie das alles zusammenhängt und wie meine andauernde, sehr belastende Reizüberflutung überhaupt entsteht, beschloss ich, dem Hilfsmittel Methylphenidat eine Chance zu geben. Mein persönlicher Leidensdruck war vor allem der Reizüberflutung geschuldet, zum einen war das dieser Dauerlärm im Kopf, dazu dieses Umherspringen, diese vielen offenen Tabs in mir drin … und wenn dann noch etwas von außen kommt, Lärm, Gestank, eine dringende Bitte eines lieben Menschen … und das alles gleichzeitig, in 3D und in Farbe … dann war ich einfach nur noch dauererschöpft. Warum also nicht etwas Neues ausprobieren?

Den meisten ist nicht klar, wie anders ADHS-Substanzen im Vergleich zu Schmerzmitteln wirken. Selbst zu den Antidepressiva, die ich zuweilen genommen habe, verhält sich Methylphenidat total anders.

Der Hauptunterschied besteht vielleicht darin, dass diese Substanzen keinen Spiegel im Organismus bewirken, den es aufrecht zu erhalten gilt. (Gerade in Filmen wird das oft völlig falsch dargestellt.) Das Mittel wird eingenommen, erreicht seinen Level, wirkt eine bestimmt Zeit und verlässt unser System wieder … und das alles innert maximal zwölf Stunden. Zum einen beeinflusst das Medikament den Dopamintagesspiegel, zum anderen ist da der Teil des Medikaments, der wachmacht (was solche Mittel eben auch als Droge beliebt macht).

Was das Mittel definitiv NICHT macht, ist klassisches Ruhigstellen. Jedenfalls nicht so, wie es sich viele vorstellen. Unterm Strich macht mich das Mittel schon irgendwie ruhiger, aber nicht auf die baldrianeske Art, sondern eher so, dass ich weniger Lärm im Kopf habe und dadurch konzentrierter und fokussierter bin.

Was ich euch hier im Folgenden erzähle, basiert auf dem, was mir meine Ärztin – Dr. ADHS will ich sie hier nennen – erzählt hat, was ich mir angelesen und was ich persönlich erfahren habe. Es ersetzt keine persönlichen Besuche bei einer*m Spezialistin*en. Und bestimmt habe ich auch das eine oder andere nicht genau richtig verstanden, seid also nachsichtig mit mir. Ich hoffe dennoch, dass meine Erfahrungen, der einen oder dem anderen helfen können, den einen oder anderen Zusammenhang besser zu verstehen.

Dr. ADHS war es sehr wichtig, dass ich nach der Diagnose und vor dem Beginn der medikamentösen Therapie überhaupt verstehe, wie das Hirn funktioniert und was die Medikamente bewirken und auslösen.

Damit ich mir alles gut vorstellen kann, hat sie mir bunte Grafiken gezeichnet, die ich hier natürlich nicht wiedergeben kann. Ich versuche es darum mit Worten.

Stellt euch eine Zelle vor. Darin Blasen. Darin Dopamin. Dopamin gewährleistet, wenn ich das richtig verstanden habe, eine störungsfreie Signalübertragung. In einem Nicht-ADHS-Hirn überträgt Dopamin Informationen und Befehle via synaptischem Spalt – denkt euch rote Punkte außerhalb der Zelle – in die Nachbarzellen. Das nicht mehr benötigte Dopamin wird via Dopamintransporter – gezeichnet als hellgrüne Wägelchen – zurück in die Zellen gebracht. Ein ausgewogenes System, ein Kreislauf.

Ein ADHS-Hirn verfügt – vereinfacht gesagt – über eine mangelnde Dopamin-Wirksamkeit respektive sind zu viele Dopamintransporter (kurz DaT) im Einsatz, die viel zu viel Dopamin wegkarren, so dass das wenige vorhandene Dopamin nicht richtig arbeiten kann, sondern zu früh abtransportiert wird. Ich sage das jetzt mit meinen Worten, also das, was ich noch weiß und halbwegs verstanden habe.

Was also ist hilfreich, damit das Dopamin tun kann, wozu es gebraucht wird? Was muss ein Medikament können?

Unser Hirn braucht ein Mittel, das die Dopamintransporter (DaT) reduziert und/oder es muss mehr Dopamin geliefert werden. Und genau das tun MPH-Medikamente via Ritalin, Concerta, Medikinet, Focalin (Schweiz) und wie sie alle heißen.

Dazu Wiki: »Die typischen ADHS-Medikamente (Stimulanzien wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin* bewirken auf verschiedene Weisen (Methylphenidat als Dopaminwiederaufnahmehemmer, Lisdexamfetamin* als Dopaminfreisetzungsverstärker) eine Erhöhung des Dopaminspiegels im synaptischen Spalt – bei richtiger Dosierung auf das Maß, das wie bei Nichtbetroffenen eine störungsfreie Signalübertragung gewährleistet. Bei Überdosierung (zu hoher Dopaminspiegel) entstehen Signalübertragungsprobleme, die nahezu dieselben Symptome verursachen wie ein zu geringer Dopaminspiegel.«

Zum Schluss noch ein bisschen Hirn-Theorie. Stellt euch das Hirn als rundliches Dingsi gezeichnet vor. Links, im vorderen Teil des Kopfes, sitzt der Präfrontale Cortex (PFC) – dargestellt als längliches Feld. Er ist für Steuerung, Lernen, Entscheiden und Priorisieren zuständig.

In der Hirnmitte, dargestellt als kurviger Strich, liegt der Thalamus. Er ist für die Filterung zuständig, steuert somit die Ablenkbarkeit durch Reizfülle.

Rechts im gezeichneten Hirn, dargestellt als schwarze runde Fläche, schließlich das Limbische System, auch Belohnungssystem genannt, das innere Ruhe/Unruhe, Getriebensein und/oder eben Wohlsein, Zufriedenheit etc. steuert. Kurzum: Alles hängt zusammen.

Wie die unterschiedlichen MPH-Medikamente wirken und unsere Hirntätigkeit beeinflussen, erzähle ich euch im nächsten Teil.

+++

INFO: Diesen Text habe ich im Oktober 2023 geschrieben.


EDIT: Im Wikipedia-Artikel steht ursprünglich Amphetamin, was aber so nicht ganz stimmt. Darum wurde der Begriff ersetzt durch Lisdexamfetamin. Begründung: »Amphetamine könnten zu einem sofortigen Rausch führen, aber Lisdex ist nur ein Prodrug, wird also erst im Magen-Darm-Trakt zur aktiven Substanz. (Wichtig, weil Elvanse auch bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt wird, da hormonstabil.)« Danke an Vierraumwohnung, die mich upgedated hat.


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Spät oder zu spät | #ADHS-Medikation

[Disa] Wir nennen uns spätdiagnostiziert. Wir – das sind Menschen, die ich in den letzten Jahren im Fediversum unter den Hashtags ADHS, AuDHS, Autismus, neurodivers, neurodivergent oder anderen ähnlichen Stichworten  kennengelernt habe.

Während meiner ADHS-Abklärungszeit – oder eigentlich schon auf dem Weg dahin – hatte ich oft ein großes »ZU« im Kopf. Ein »zu spät«, das nach verpassten Gelegenheiten roch. Lohnt es sich überhaupt noch, auf den letzten Metern des Lebens (vielleicht noch zwanzig Jahre Lebenszeit?) etwas Neues anzufangen? Es ging ja bisher auch »irgendwie«.

Zu spät? Die zwei Buchstaben »ZU« suggerieren, wie kaum ein anderes Wort, dass es ein Innen und ein Außen gibt. Ein Richtig und ein Falsch. Ein Hier und ein Dort. Ein Vorher und ein Nachher. Sobald diese zwei Buchstaben ins Spiel kommen, ist der Zug abgefahren. Ist es eben zu spät. Die Grenze ist geschlossen. ZU.

Ein wertendes Wort, ein abwertendes Wort. Ein Wort, das meinen Trotz herausfordert, ein Wort, dass mich innerlich wie ein Kind aufstampfen lässt. Ja, natürlich nur innerlich, denn äußerlich – das haben wir lange geübt, zu lange! – stampfe ich schon lange nicht mehr.

Und dann kam sie, die Diagnose. Und mit ihr kam das Angebot, Medikamente zu bekommen und mich in einem verhaltenstherapeutischen Kontext coachen zu lassen. Ein Angebot, das ich angenommen habe. Wie froh ich darüber bin!

Den Weg zur richtigen Dosis habe ich in mein Tagebuch geschrieben und ich habe vor, diese Texte so zu bearbeiten, dass ich sie hier teilen kann. Meine Erfahrungen so zu verallgemeinern, dass Menschen, die in einem ähnlichen Prozess sind, davon einen Nutzen haben können.

Nach Erfahrungsaustausch, gerade was die Medikation betrifft, scheint es einen großen Bedarf zu geben. Gerade bei uns Spätdiagnostizierten. Denn einerseits ist die Umstellung, der Unterscheid zwischen vorher und nachher, sehr groß und damit auch verunsichernd, andererseits ist mit der Medikation ja noch längst nicht alles getan. Die Medikation verändert die Wahrnehmung, sie filtert, sie macht, dass wir anders priorisieren … so verändern sich auch unsere Bedürfnisse, unser Blick auf die Welt und unsere Mitmenschen. Alles nur, weil wir auf einmal mehr Dopamin zur Verfügung haben. Und damit umgehen zu lernen, gelingt mit einer guten Begleitung definitiv besser. Ärzt*innen, Therapeut*innen und eine Peer Group sind wichtig auf unserem Weg zu mehr Lebensqualität.

[Pssst, das Teufelchen in mir stellt sich zuweilen ein Medikament vor, das Neurotypische nehmen, um – nur so zum Spaß natürlich *ironie* – für einen Tag zu wenig Dopamin im Hirn zu haben und  – tadaaaa – zu erfahren, wie es ist, ein ADHS-Hirn zu haben. Aber natürlich sind solche Gedanken müßig und nicht zielführend, also lassen wir das.]

Je später im Leben wir diagnostiziert werden, desto tiefer und eingefahrener sind die Rillen, die sich durch unsere Leben ziehen. Und desto herausfordernder die Umstellung. Aber – hurra! – das Hirn ist auch beim Älterwerden beweglich und lernfähig. Das ist eine für mich sehr wichtige Tatsache.

Ich wünsche uns Mut, unser So-Sein konsequent und bewusst zu leben.

Mein #ADHS-Coaching Teil 3

Teil 3: Warum wir planen sollten | Orientierung

[Disa] Zu Beginn meiner dritten Coaching-Sitzung zum besseren Umgang mit ADHS erzähle ich meiner Ärztin – nennen wir sie doch einfach Frau Dr. ADHS –, wie es mir die letzten drei Wochen mit dem Planen meiner Wochen-Lebenszeit ergangen ist, wo ich Probleme hatte, was gelungen und was mir aufgefallen ist.

Ich gestehe ihr, dass ich den Plan selten einhalten konnte. Meistens habe ich »gemogelt« und meine nicht geschafften Post-it-To-dos abends auf die restlichen Wochentage umverteilt. Manchmal lag es an der zu kurz bemessenen Zeit, manchmal an fehlender Lust und meistens daran, dass neue Aufgaben dazu gekommen sind, die dringender waren. Definitiv gut für mich ist, dass mich mein Wochenplan ruhiger macht. Die Dinge bekommen, dadurch dass sie benannt und als Aufgaben definiert sind, in meinen Augen mehr Wert und eine Art Daseinsberechtigung, insbesondere jene Dinge, die vorher immer unter dem Radar gelaufen sind, all jene Dinge, die ich bisher zwischendrin erledigt habe. Problemlösungen technischer Art zum Beispiel, wie ich sie in der vorletzte Woche gehäuft zu erledigen hatte.

Ich erzähle davon, wie ich inzwischen immer besser Aufgaben, die sich mir spontan in den Weg stellen, entschieden und bewusst auf später verschiebe, weil ich an etwas dran bin. Ich merke sie mir aber als Zu-Erledigendes, indem ich mir sie ein paar Mal vorsage. (Z. B.: »Diese Ecke räume ich nachher auf!«) Auch gelingt mir das Feierabendmachen irgendwie besser, seit ich den Wochenplan habe.

Meine Ärztin hört aufmerksam zu. Sie betont, dass wir diese Pläne nicht machen, um sie voll und ganz einzuhalten – was selbst bei bester Planung gerade mal zu 60 % gelinge, wie Erfahrungen zeigen. Wir erstellen solche Pläne zu unserer Orientierung. Wir machen sie, damit wir wissen, sehen, uns bewusst machen können, wann was zu tun ist. Um uns einen Überblick über das System Zeit, in der wir leben, zu verschaffen. Weitere Ziele sind, ein Gespür für Dauer, Energieaufwand und beste Tageszeit für die jeweiligen Aufgaben zu bekommen.

Dr. ADHS erinnert mich daran, dass es nicht nur um die Planung von Arbeit geht, sondern darum, unser Leben zu planen, Ziele zu haben, es nicht dem Zufall und den Umständen, spontanen Ideen und den Gewohnheiten zu überlassen. Es geht darum, realistisch planen zu lernen, also so, dass ich die Dinge, die ich tun will und soll (Arbeit und Freizeit), so plane, dass sie zeitlich aufgehen und dass ich sie erledigt bekomme, WENN nichts dazwischen kommt. Angefangen mit Fixterminen und Fristen, die eingeplant werden müssen. Anschließend werden die Tage mit den flexiblen Dingen, Aufgaben, Haushaltdingen, Freizeitdingen »aufgefüllt«.

Wir brauchen ja nicht noch ein neues Korsett mehr, sondern Werkzeuge, um unseren Alltag einfacher zu machen. Ich spreche Selbstdisziplin an, die mir, so sage ich, deutlich leichter fällt, seit ich das Medikament nehme. Sie findet den Begriff schwierig, negativ behaftet, spricht lieber von Zuverlässigkeit, von Verlässlichkeit. Stimmt, so kann ich es tatsächlich auch sehen; ich kann mich wirklich inzwischen besser auf mich verlassen, seit ich das Medikament nehme. Das Hirn hat genug Dopamin.

Ich lerne laufend dazu, gehe neue Wege, etabliere und trainiere neue Verhaltensmuster, nach und nach entstehen so neue neuronale Verbindungen im Hirn. Diese greifen allmählich auch dann, wenn ich das Medikament nicht nehme oder am Abend, wenn das Medikament eh nicht mehr wirkt.

ADHS-Betroffene, so sagt Frau ADHS, neigen dazu, ihr »Versagen« zu betonen, sich selbst zu blamen, einfach, weil wir sind, wie wir sind, anders eben als ein großer Teil der Bevölkerung. Das sei, sagt sie, pure Energieverschwendung. Wir sollten uns besser auf die Schulter klopfen für alles, was wir trotz erschwerter Lebensbedingungenschon geschafft haben. Ja, und uns auch gegenseitig ermutigen, sagt sie, als ich das Thema Peer groups anschneide. Frau ADHS findet es sehr gut, sich auszutauschen und voneinander zu lernen, sich auch virtuell zu vernetzen.

Jetzt sprechen wir über meine Ungeduld, denn am liebsten würde ich ja fast forward drücken und alles, was da noch zu lernen ist, schon gelernt haben. Frau ADHS schaut in ihren Laptop und rechnet mir vor, wie lange ich nun schon bei ihr bin (noch kein Jahr) und wie lange ich schon die Medikamente nehme (erst knapp ein halbes Jahr). Na also, das ist doch noch nicht lange und ich hätte, so sagt sie, bereits so viel gelernt. Wir sprechen über den Druck, den Therapieerfolgserwartungen bei uns auslösen. Letztlich sind und bleiben wir doch immer uns selbst, das sollten wir nicht vergessen. Wir können nicht jegliche Fortschritte auf Dritte oder Medikamente delegieren. Es ist immer noch unser Leben und wir die Akteur*innen. Erwartungen lösen unnötigen Stress aus, führen zu Ungeduld. Gesünder wäre es, uns für die einzelnen Schritte Respekt zu zollen, uns mit Geduld zu begegnen. Und wenn uns jemand erzählt »So geht es mir auch!«, wenn wir von unseren Symptomen erzählen, können wir getrost sagen: »Du hast das ab und zu, aber ich habe es immer.«

Als wir über Erwartungshaltung sprechen, sage ich, dass ich immer mal wieder gefragt werde, wie es denn mit der Abhängigkeit bei ADHS-Medikamenten sei. Dabei geraten wir in ein kleines philosophisches Gespräch. Süchtig nach Methylphenidat können wir, sagt sie, nur werden, wenn wir es überdosieren. Wenn wir nicht beim gewünschten und eigentlichen Dopamin-Effekt bleiben, sondern die für uns Betroffene unerwünschten Nebenwirkungen durch zu viel Dopamin – wie Dauerwachsein, Aufgedrehtsein, Appetitlosigkeit, Hyperhochfokussiertsein – erleben. Bei Überdosierung komme nämlich weniger der eigentliche, gewünschte Dopamineffekt, sondern die Substanz an sich, die wachhält, zum Tragen. Wer ständig überdosiert sei und dann das Mittel pausiere, könne durchaus Entzugserscheinungen haben, die allerdings eher einer Art Rebound* geschuldet seien. Wenn wir uns, sobald wir das Mittel pausieren, depressiver fühlen, sei das nicht ein eigentliches Entzugssymptom. Wir bleiben auch mit der Medizin die Menschen, die wir sind mit all unseren Eigenschaften. Falsche, überhöhte Erwartungen an das Mittel oder die Therapie an sich seien, wie schon gesagt, Stressoren, die uns sehr unter Druck setzen können.


*In der Pharmakologie bezeichnet das Rebound-Phänomen eine überschießende Gegenreaktion des Organismus bei abruptem Absetzen eines Medikaments. Quelle
Als Rebound-Effekt oder Absetz-Effekt (von engl. rebound ‚Rückprall‘) wird das verstärkte Wiederauftreten von Symptomen infolge des Nachlassen der Medikamentenwirkung (vornehmlich Stimulanzien) bezeichnet. Bis zu einem Drittel der mit Stimulanzien behandelten ADHS-Patienten erleben beeinträchtigende Rebound-Effekte. Quelle

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Mein #ADHS-Coaching Teil 2

Teil 2: Wie wir Ziele erreichen können | Pläne machen

[Disa] In meiner zweiten Coaching-Sitzung sprachen wir über die kurz- und mittelfristige Planung meiner Lebenszeit. Dieses Coaching soll mir dabei helfen, mit ADHS – dank Verhaltensanpassung und Medikamenten – stressfreier und gelassener zu leben.

Zuerst reden wir kurz über meine Selbstbeobachtungen mit der Selbststeuerung – dem Thema und der Aufgabe aus der letzten Sitzung – und ich sage, dass ich für mich einen anderen ersten Fragesatz gefunden habe. (Statt wie geht es mir JETZT? lautet meine erste Frage: Welches Gefühl ist JETZT am stärksten? Das passt bei mir besser.)

Ich erzähle auch von meiner Erkenntnis, dass ich letztlich tatsächlich mehrheitlich impulsiv oder aber rituell handle. Wenn alles in meinem Alltag den vertrauten Abläufen folgt, ist es gut für mich. Da aber, wo es keine solchen gibt, entscheide und handle ich spontan, impulsiv eben, ohne mir groß Gedanken über Folgen, Zeitaufwand und Zusammenhänge zu machen. Rückblickend frage ich mich, ob ich es anders hätte hinbekommen sollen oder können, na ja, besser halt irgendwie.

Meine Ärztin meint dazu, dass ich mein Verhalten nicht rückblickend bewerten und beurteilen solle. Es sei allerdings durchaus sinnvoll, aus der aktuellen Perspektive zu schauen, ob der vertraute Ablauf und/oder das Ritual jetzt noch gültig und sinnvoll seien oder ob es eine Anpassung brauche. Doch Rituale seien gerade für ADHS-Betroffene sehr sinnvoll, da sie uns Strukturen geben. Wir haben sie uns ja genau darum einst ausgedacht. (Ich nenne übrigens ritualisierte Abläufe, insbesonder wenn es Arbeitsdinge betrifft, auch gern Arbeitsoptimierungen, denn ich suche bei Arbeiten, die sich wiederholen, immer auch nach Wegen, die Arbeit mit möglichst wenig Kraft- und Energieaufwand und wenig Anstrengung erledigen zu können.)

Schließlich sprechen wir über Planung. Ich erzähle, wo meine Schwierigkeiten liegen, mich an exakte Zeitpläne zu halten. Hirnbedingt handle ich, wie gesagt, situativ und spontan, was dem Plänemachen grundsätzlich zuwider läuft. Also reden wir über hilfreiche Techniken.

Eine Wochenplanung sei das Sinnvollste, sagt meine Therapeutin aus langjähriger Erfahrung. Dabei wichtig: Keine Puffer einplanen. Pausen ja, Puffer nein, denn bei Puffern fallen ADHS-Menschen aus der besten Planung raus. Ebenso seien stundengenaue, zeitlich definierte Planungen nicht zielführend, denn sie bewirken das Gegenteil von dem, was wir anstreben, sie machen Stress statt Gelassenheit. Es gehe beim Planen immer darum, mehr Ruhe reinzubringen und das gute Gefühle zu erleben, dass wir das erreichen können, das wir wollen.

Ich solle mir alle Aufgaben und Will-ich-tun-Dinge der nächsten Woche aufschreiben und auf die Wochentage realistisch verteilen. Und daraufhin wirklich versuchen, sie einzuhalten. Es geht, das mache ich mir immer wieder bewusst, nicht primär um den Leistungsgedanken, sondern entspannter zu tun, was getan werden soll und will.

Idealerweise geht der Plan, ohne Störungen von außen, auf. Ist das der Fall, habe ich gut geplant. Störungen durch Unvorhergesehenes kommen aber natürlich immer vor. Werden wir gestört, können wir entscheiden, wie wir mit dem Störfall umgehen. Ein längerer Anruf oder zum Beispiel ein technisches Problem, das sofort gelöst werden muss, können wichtiger sei als die ungewaschene Wäsche, die auf dem Wochenplan steht etc.. Solche Entscheidungen müssen wir situativ treffen.

Als ersten Schritt soll ich mir von Woche zu Woche einen Plan machen und schauen, wie es mir damit geht.

»Ich könnte einen physischen Wochenplan machen«, sage ich, »und mit Post-it die Aufgaben draufpappen, so dass ich sie verschieben kann.«

»Genau das!«, sagt meine Ärztin, »so habe ich es gemeint.« Es sollen alle Sachen drauf. Einkaufen. Duschen. Solche Dinge. Am Abend solle ich gucken, ob es geklappt hat.

Das ist jetzt der Adlerblick, über welchen wir in der letzten (der ersten) Coaching-Sitzung gesprochen haben. In einem späteren Schritt werden wir uns anschauen, wie es mit den einzelnen Aufgaben aussieht. Dabei werden wir wieder mehr ins Detail gehen.

Ich erwähne, dass ich mir für unser Coaching auch das Ding mit der »neuen Vergesslichkeit« anschauen möchte. Sie hört zu und meint, dass das Problem vermutlich aufgetaucht sei, weil ich eben nicht mehr immer alles gleich wie früher erledige, wenn es sich mir in den Weg stellt, sondern im Kopf auf später vertage. (Was ja an sich ein Fortschritt ist, da ich besser filtern kann und nicht mehr alles prioritär erkläre). Nun besteht jedoch die Gefahr, dass ich Dinge vergesse, weil ich mich ja nun auf das konzentriere, was ich jetzt mache. Damit verschwindet das andere Zu-Tun aus meinem Fokus. Für Nicht-ADHS-Menschen ist es vermutlich normal, die Dinge nicht sofort zu tun und sie sich für später zu merken, für mich ist das neu. Ich muss also jetzt eine Strategie entwickeln, wie ich mir Dinge, die ich nicht jetzt machen will und kann, merken kann. »Das üben wir später!«, verspricht mir mein kluges Gegenüber.

Eine Strategie, die ich mir selbst ausgedacht habe, geht so, dass ich mir das zu erledigende Ding ein paar Mal aufsage und mir gleichsam inwendig eine Art Post-it aufklebe und dazu den kleinen Zauberspruch denke: »Wenn es wichtig ist, wird es mir später wieder einfallen«. Das funktioniert tatsächlich manchmal. Vielleicht sogar immer öfter.

Auch der Wochenplan hilft tatsächlich, dachte ich gestern Abend, als ich die zwei vollbrachten Tage betrachtete. Ich hatte zwar noch zu viele Will-und-sollte-ich-tun-Dinge auf dem Plan, doch die Tatsache, dass die Dinge da stehen und ihren Platz haben, ließ mich gestern und vorgestern tatsächlich konzentrierter und entspannter arbeiten. Ich switchte weniger hin und her und es gelang mir, das, was ich wirklich machen wollte, auch wirklich zu tun.

Leute, die von Natur aus genug Dopamin im Hirn haben, können sich vermutlich gar nicht vorstellen, wie schwierig es für uns ADHSys ist, nur schon direkt von A nach B zu gehen. Denn zwischen A und B gibt es ja sooo viele spannende Dinge, die gesehen und ausprobiert werden wollen.

Teil 1
Teil 3

Alle Teile

Fortsetzung folgt

Mein #ADHS-Coaching Teil 1

[Disa] Meine Diagnose habe ich bei einer Ärztin bekommen, die ADHS nicht nur diagnostiziert, sondern auch Betroffene durch die Medikament- und Dosisfindung begleitet und anschließend coacht.

Ich vermute, es ist nicht für alle, die eine Diagnose bekommen, gleich einfach oder gleich herausfordernd, mit dem »neu konfigurierten« Hirn zurecht zu kommen. Mit dem Mehr an Dopamin, das mir mein Metyhlphenidat-Präparat beschert, funktionieren insbesondere meine Reizfilter deutlich besser. Ich nehme die Umwelt anders wahr, bin weniger schnell überreizt, weniger schmerz- und reizempfindlich, höre das Gras nicht mehr wachsen wie zuvor und bin dadurch tatsächlich – fast logisch eigentlich – weniger aufmerksam auf die ganze Fülle um mich herum. Ich vergesse Dinge beispielsweise.

Kurz: Ich brauche neue Routinen und Strategien. Darum soll es im Coaching bei meiner Ärztin gehen. Und darum zu lernen, mich endlich nicht nur von Impulsen und Ritualen leiten zu lassen, sondern eben auch von meinen eigenen Entscheidungen.

Gern teile ich hier meine Erfahrungen.

Teil 1: Wie wir Entscheidungen treffen | Selbststeuerung

So langsam wird der neue Therapieort zur Routine. Ich habe nicht mehr jedes Mal Angst davor, keinen Parkplatz zu finden. Einer von dreien war bisher immer frei.

Mein ADHS-Medikament passt inzwischen. Ich habe die für mich richtige Dosis gefunden. Dennoch bin ich herausgefordert, mit dem Mehr an Dopamin, das meinem Hirn den erhofften Reizfilter ermöglicht, meinen Alltag neu zu gestalten. Diese andere neue Wahrnehmung meiner Umwelt hat weitreichende Auswirkungen. Ich bin zum Beispiel zwar weniger verzettelt, habe dadurch aber auch nicht mehr überall und gleichzeitig alle Fäden in der Hand. Ich bekomme nicht mehr alles mit, weil ich viele Nebenschauplätze, nicht mehr wahrnehme. So verpasse ich manches und wirke vergesslich.

Doch die Vorteile genieße ich sehr. Beispielsweise habe ich viel mehr freien Arbeitsspeicher im Hirn, da dieser nicht mehr von unwichtigen Dingen vollgestellt ist. Weil ich tagsüber weniger müde bin und mich ausruhen muss, schlafe ich besser, weil ich abends müder bin. Ich fühle mich überhaupt irgendwie entknitterter und kann besser zu mir und meinem Raumbedarf stehen. Ich erlaube mir, so zu sein, wie ich bin un mache mich nicht mehr so klein wie davor, passe mich nicht mehr ständig an, nur weil ich die Welt anders wahrnehme als die Mehrheit.

Außerdem habe ich wirklich Glück mit meiner Ärztin. Sie hat mir nicht nur mit dem Finden der optimalen Medikation geholfen, sondern sie coacht und lotst mich nun auch durch die neuen Gewässer.

»Alles ist eine Frage der Steuerung, der Selbststeuerung«, sagt sie und fragt, ob sie wieder eine Grafik anfertigen solle. Ich bitte darum, habe mir sogar schon selbst den Block auf die Schreibunterlage gelegt, weil ich mir diesmal wirklich Notizen machen will. Jetzt fängt nämlich endlich das thematische Coaching so richtig an. Sie sagt, dass ich gern mitschreiben könne. Da platze ich mit der Frage heraus, ob es eigentlich auch ADHS sei, wenn eine immer etwas mit den Händen machen müssen, schreiben, kritzeln, etwas kneten … Ich kenne die Antwort eigentlich, dennoch will ich es gern auch von ihr hören. Hören will ich es vor allem, weil es noch immer da ist, obwohl ich doch das Medikament nehme. Ja, immer noch muss ich fast ständig an etwas »herumfingern«.

»Ja, das ist es«, sagt sie, »und das bleibt meist auch trotz des Medikaments so. Und es ist gut, wichtig und richtig, den Körper irgendwie zu beschäftigen, denn es hilft uns, den mentalen Fokus zu behalten. Es ist ein Werkzeug der Übersteuerung, womit Sie dem Denken etwas Physisches entgegensetzen können. Ich empfehle auch gern, wenn es andere stören sollte oder Sie selbst befürchten, andere zu stören, einfach mit den Füßen Bewegungen in den Schuhen zu machen.«

»Ich habe«, sage ich, »tatsächlich schon erlebt, dass es andere gestört hat, wenn ich – zum Beispiel in einer Sitzung – beim Zuhören vor mich hin kritzelte.« Wir schweifen ab zu Anpassung an sogenanntes Normverhalten und ich gestehe, dass ich jetzt, wo ich endlich weiß, dass ich ein ADHS-Hirn habe, mich nicht mehr immer so zusammenreiße wie vor der Diagnose. Dass ich mir erlaube, eben auch mal herumzappelnde Finger haben zu dürfen. Dass ich eben nicht mehr nur mit den versteckten Zehen in Bewegung bin, sondern die Hände nicht mehr immer verstecke, wenn ich sie biege, dehne und strecke oder mit etwas herumspiele …

Meine Ärtzin vertritt die Ansicht, dass die sich auftuenden Gräben zwischen neurotypisch und neurodivers niemandem helfen. Sie findet, dass ADHS-Betroffene mithilfe ihrer Medikamente sich bestmöglich anpassen sollten, damit das soziale Miteinander für alle einfacher sei. Überhaupt: letztlich seien ja alle Hirne anders, unterschiedlich, neurodivers, oder – noch besser, noch passender – neuroplastisch.

»So viel Anpassung finde ich nicht unbedingt soo gut«, sage ich, »ich finde sogar, dass es wichtig ist, dass wir alle lernen, nicht nur die Norm (ich denke an die Gaußsche Normalverteilung) sondern die ganze Palette von Verschiedenheiten als zum Leben zugehörig zu verstehen.« Und ich füge hinzu, dass ich es inzwischen toll finde, jeden Morgen die Wahl zu haben, ob ich heute lieber mit genug Dopamin oder lieber mit knapp oder wenig Dopamin leben will. »Ich habe die Wahl und ich habe mich mit meinem ADHS inzwischen ziemlich ausgesöhnt«, sage ich. Ich habe inzwischen verstanden, was genau mich warum vor der Diagnose so angestrengt und erschöpft hat. Warum ich so schlecht priorisieren konnte und warum ich mir immer so viel Druck gemacht habe. Auch diese ganze Anpassung und Maskierung … puh. Mit dem Erkennen der Zusammenhänge ist viel Druck von mir abgefallen.

Schließlich fängt meine Ärztin mit der Beschriftung eines neuen Papieres an. Steuerung ist das Thema, kurz für Selbststeuerung. Sie schreibt und erklärt mir, was wie zusammenhängt. Das Blatt Papier ist eine willkommene visuelle Lernhilfe.

Bis anhin hat ES (= der Dopaminmangel) mich gesteuert, via Impuls. Ich habe meine Entscheidungen impulsiv getroffen. Aus dem Moment heraus.

Mit der Diagnose und der Medikation wechsle ich aber nicht bloß vom einen ES (Mangel) zum nächsten ES (genug Dopamin), sondern ich bin auch in der Lage, zu entscheiden, was ich jetzt warum tun will.

Sie zeichnet die zwei uns beeinflussenden Ebenen auf das Blatt. Oben das Situative, der gegenwärtige Alltag, unten die mittel- und langfristige Planung, bestehend aus den gesellschaftlich vorgegebenen Strukturen wie Stunden, Wochentage, Monate. Beides bedingt und beeinflusst sich gegenseitig.

Zuerst schauen wir uns das Situative an, da es quasi das erste und das beste Übungsfeld für das zukünftig zu lernende Planen ist. Habe ich ein Ziel (Bikinifigur), esse ich womöglich jetzt anders, als wenn ich dieses Ziel nicht habe. Nur so als Beispiel zur Veranschaulichung der Zusammenhänge. Dank genug Dopamin mich selbststeuern könnend, bin ich in der Lage, dem Impuls (jetzt ein Eis zu essen) anders zu begegnen: selbst entscheidend.

Hier kommt das 4-Schritte-Modell – das Situative Bewusstseinsmodell – ins Spiel, das ich jetzt üben soll. Immer mal innehalten soll ich, und mir folgende Fragen überlegen.

1.) Wie geht es mir jetzt? (Gefühl, alles berücksichtigen, was jetzt hineinspielt: Hormone, Dopamin ebenso wie Konflikte, Schlaf, soziales Umfeld)
2.) Was ist jetzt sinnvoll? (Vernunft, Verstand)
3.) Entscheiden
4.) Verhalten

Ich kann und soll jeweils aufgrund der Antworten, die ich mir auf Frage 1 und 2 gebe, entscheiden, was ich jetzt tun will und mich dann entsprechend verhalten. Und diese Entscheidung ist dann auch immer jetzt die richtige. Ich soll mir die Bewusstheit wie einen Schieberegler vorstellen, den ich zwischen Gefühl und Verstand hin und her bewege, nämlich genau da hin, wo ich hin will. Der Schieber steht metaphorisch dafür, dass ich nun in der Lage bin, meine Entscheidung unabhängig vom Dopaminmangel zu treffen, nicht mehr jedem Impuls ausgeliefert seiend.

Ich stehe weniger denn je neben mir, erkenne ich dieser Tage immer wieder. Unter anderem merke ich es daran, wie ich rede; dass ich weniger Zeit brauche, um reagieren zu können. Es sind nicht mehr so viele Tabs in meinem Hirn offen, so dass ich weniger ablenkbar bin.

Für die Übung der Selbststeuerung will ich mir einen Schieberegler aus Karton basteln, etwa handtellergroß, mit den zwei Fragen drauf. Zur Erinnerung und als Fingerspielzeug zugleich.

Ich bin echt gespannt auf die nächsten Themen der Lerneinheiten meines Coachings.

Teil 2
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Fortsetzung folgt

 

Das So-Sein

[Disa] Wenn heute jemand zu mir sagt, dass inzwischen doch alle ein ADHS haben, denke ich: Wenn du wüsstest. Wenn eine*r sagt, dass er oder sie ja auch irgendwie schusselig oder zerstreut sei, sage ich: Klar, bis du das. Ab und zu. Aber mein ADHS ist immer bei mir.

Seit einigen Monaten hat mein So-Sein einen Namen. Vorher war es ein Verdacht. Die Diagnose hilft. Das Medikament hilft. Das Coaching hilft. Doch der Weg war lang und die Gesellschaft erst allmählich bereit, sich mit den Diversitäten des menschlichen Hirns auseinanderzusetzen. So viel Ignoranz, so viele Vorurteile.

Ich wünsche mir, dass wir mit diesem Blog einen Beitrag leisten können, zu zeigen, dass unser So-Sein wertvoll und wichtig ist. Nicht nur für uns selbst, auch für unsere Gesellschaft.