Spät oder zu spät | #ADHS-Medikation

[Disa] Wir nennen uns spätdiagnostiziert. Wir – das sind Menschen, die ich in den letzten Jahren im Fediversum unter den Hashtags ADHS, AuDHS, Autismus, neurodivers, neurodivergent oder anderen ähnlichen Stichworten  kennengelernt habe.

Während meiner ADHS-Abklärungszeit – oder eigentlich schon auf dem Weg dahin – hatte ich oft ein großes »ZU« im Kopf. Ein »zu spät«, das nach verpassten Gelegenheiten roch. Lohnt es sich überhaupt noch, auf den letzten Metern des Lebens (vielleicht noch zwanzig Jahre Lebenszeit?) etwas Neues anzufangen? Es ging ja bisher auch »irgendwie«.

Zu spät? Die zwei Buchstaben »ZU« suggerieren, wie kaum ein anderes Wort, dass es ein Innen und ein Außen gibt. Ein Richtig und ein Falsch. Ein Hier und ein Dort. Ein Vorher und ein Nachher. Sobald diese zwei Buchstaben ins Spiel kommen, ist der Zug abgefahren. Ist es eben zu spät. Die Grenze ist geschlossen. ZU.

Ein wertendes Wort, ein abwertendes Wort. Ein Wort, das meinen Trotz herausfordert, ein Wort, dass mich innerlich wie ein Kind aufstampfen lässt. Ja, natürlich nur innerlich, denn äußerlich – das haben wir lange geübt, zu lange! – stampfe ich schon lange nicht mehr.

Und dann kam sie, die Diagnose. Und mit ihr kam das Angebot, Medikamente zu bekommen und mich in einem verhaltenstherapeutischen Kontext coachen zu lassen. Ein Angebot, das ich angenommen habe. Wie froh ich darüber bin!

Den Weg zur richtigen Dosis habe ich in mein Tagebuch geschrieben und ich habe vor, diese Texte so zu bearbeiten, dass ich sie hier teilen kann. Meine Erfahrungen so zu verallgemeinern, dass Menschen, die in einem ähnlichen Prozess sind, davon einen Nutzen haben können.

Nach Erfahrungsaustausch, gerade was die Medikation betrifft, scheint es einen großen Bedarf zu geben. Gerade bei uns Spätdiagnostizierten. Denn einerseits ist die Umstellung, der Unterscheid zwischen vorher und nachher, sehr groß und damit auch verunsichernd, andererseits ist mit der Medikation ja noch längst nicht alles getan. Die Medikation verändert die Wahrnehmung, sie filtert, sie macht, dass wir anders priorisieren … so verändern sich auch unsere Bedürfnisse, unser Blick auf die Welt und unsere Mitmenschen. Alles nur, weil wir auf einmal mehr Dopamin zur Verfügung haben. Und damit umgehen zu lernen, gelingt mit einer guten Begleitung definitiv besser. Ärzt*innen, Therapeut*innen und eine Peer Group sind wichtig auf unserem Weg zu mehr Lebensqualität.

[Pssst, das Teufelchen in mir stellt sich zuweilen ein Medikament vor, das Neurotypische nehmen, um – nur so zum Spaß natürlich *ironie* – für einen Tag zu wenig Dopamin im Hirn zu haben und  – tadaaaa – zu erfahren, wie es ist, ein ADHS-Hirn zu haben. Aber natürlich sind solche Gedanken müßig und nicht zielführend, also lassen wir das.]

Je später im Leben wir diagnostiziert werden, desto tiefer und eingefahrener sind die Rillen, die sich durch unsere Leben ziehen. Und desto herausfordernder die Umstellung. Aber – hurra! – das Hirn ist auch beim Älterwerden beweglich und lernfähig. Das ist eine für mich sehr wichtige Tatsache.

Ich wünsche uns Mut, unser So-Sein konsequent und bewusst zu leben.

Autor: Disa

60, weiblich, spät diagnostiertes ADHS (2023), Verdacht auf Autismus wird aktuell abgeklärt.

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