Autismus und Routinen

[Marion] Ein Stichwort, das sehr eng mit dem Begriff Autismus verbunden ist, ist der Begriff Routinen. Die dazu oft gehörten Äußerungen reichen von „Autist_innen brauchen ihre festen Routinen“ bis hin zu „Autist_innen sind völlig unflexibel, sobald sich was verändert, drehen die durch.“

Ich habe das erste Mal von Routinen im Zusammenhang mit Autismus gehört, als ich Anfang der 90er-Jahre Berichte von und über Birger Sellin gelesen habe.
Damals habe ich mir das so erklärt, dass Autist_innen über zu wenig Filter verfügen, so dass alles ungehindert auf sie einprasselt. In diesem Rauschen braucht es feste Ankerpunkte, um sich orientieren zu können. Deshalb muss z. B. das Messer immer am selben Platz liegen, die Jacke immer am gleichen Haken hängen usw. Wenn diese Ankerpunkte verloren gehen, überwältigt das Chaos und führt zum Zusammenbruch.

Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass ich auch eine Autistin sein könnte. Ich konnte mir nur das, was Birger Sellin damals berichtete, gut vorstellen.

Heute, mehr als dreißig Jahre später und mit dem Wissen, dass ich selbst Autistin bin, stelle ich erst fest, wie passend meine damalige Vorstellung schon war – und gleichzeitig, wie viel mehr es noch umfasst und wie verschieden die Bedeutung von Routinen von Autist_in zu Autist_in sein kann.

Mir ist in einer Unterhaltung mit einer lieben Freundin vor einiger Zeit klargeworden, was Routinen für mich bedeuten.

Dazu ein paar Informationen vorab:
ich mache nichts „automatisch“. Bei allem, was ich tue, gibt es einen Teil meines Gehirns, der das genau beobachtet und kontrolliert und ggfs auch kommentiert. Bei allem, was ich tue, mache ich mir einen Plan, wie ich etwas in welcher Reihenfolge und möglichst effizient tun kann. Nichts davon geht „von selbst“, selbst bei Tätigkeiten wie Zähne putzen oder Hände waschen wird immer in meinem Gehirn überprüft, ob das so richtig ist. Ich habe z. B. seit vierzig Jahren eine bestimmte Zahnpastasorte für morgens und eine für abends. Und seit vierzig Jahren muss ich mir jedes Mal beim Aussuchen der Zahnpasta laut vorsagen, für welche Tageszeit welche Zahnpasta gedacht ist.

Und dieses Mitdenken gilt für jedes einzelne Handlung: Wachwerden, Bettdecke zurückschlagen, aufstehen, Kleidung heraussuchen (Schranktür öffnen, welche Kleidung brauche ich?), ins Badezimmer gehen…. ich glaube, es wird deutlich, was ich meine.

An dieser Stelle kommen Routinen ins Spiel:
dadurch, dass ich bestimmte Handlungsabläufe zu Routinen zusammenfassen kann, muss ich nicht mehr jede einzelne Handlung überprüfen, sondern nur noch die Routine anstoßen.
So werden aus vielen einzelnen Handlungen „Routinenblöcke“. Ein Routinenblock ist z. B. „aufstehen“, ein weiterer „Kleidung zusammenstellen“, ein dritter „Badezimmer“, wobei es hier noch verschiedene Routinen gibt, je nachdem, ob es morgens ist oder abends, ob ich noch duschen möchte oder „Katzenwäsche“ reicht.
Jetzt habe ich es z. B. nicht geschafft, Wäsche zu waschen oder nicht daran gedacht, die Wäsche vom Trockenboden zu holen, so dass z. B. keine Socken im Schrank liegen oder das T-Shirt fehlt, das ich anziehen wollte. Sofort bin ich aus meiner Routine raus und der Block zerfällt in lauter einzelne Handlungen, die ich alle einzeln kontrollieren muss. Oft genug führt das dazu, dass ich durch andere Impulse abgelenkt werde und nicht fertig werde mit dem, was ich mir vorgenommen habe. Oder es viel, viel länger dauert, weil andere Handlungen dazwischenkommen.

Das gleiche gilt bei mir für „Essen machen“. Ich habe z. B. eine sehr feste Routine für‘s Frühstück. Es gibt bei mir jeden Tag die gleiche Kombination, die sich nur in minimalen Varianten unterscheidet. Ich muss immer dafür sorgen, dass alle Zutaten für‘s Frühstück im Haus sind. Wenn ich das mal vergesse und dann etwas nicht da ist, komme ich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Tritt. Dann muss ich anfangen, zu überlegen, was ich stattdessen essen kann und sofort springt der „Prüfer“ an und beobachtet und kommentiert jede einzelne Entscheidung. Das ist sehr anstrengend.

Der Tag geht weiter. An einem Tag ist z. B. Einkaufen notwendig.
Auch Einkaufen ist eine Kombination aus Routinen, die jede für sich aus vielen einzelnen Handlungen bestehen: Portemonnaie und Einkaufstasche einpacken, Autoschlüssel, Haustürschlüssel, Schuhe anziehen, Jacke anziehen (wie ist das Wetter draußen?), evtl. noch Mütze, Handschuhe, Schal, zum Auto gehen…. ich denke, es wird klar, was ich meine.

Dann im Geschäft die Sachen zusammensuchen. Geschäfte sind für sich schon eine Herausforderung für mich: die künstliche Beleuchtung, viele andere Menschen, unübersichtliche Gänge, meistens noch irgendein „Radio“, das den Laden mit Musik und Durchsagen beschallt, das Rauschen der Kühlgeräte, das Piepen der Kassen, Stimmengewirr, all das braucht schon einen Menge Energie.
Da hilft mir nur, dass ich mir vorher schon einen Einkaufszettel mache und den dann strikt abarbeite. Da ich vorzugsweise immer in das gleiche Geschäft gehe, gehe ich schon beim Erstellen des Einkaufszettels in Gedanken den Weg ab, den ich im Laden gehen muss, um alles zu finden, was ich brauche.

Und dann ist das Sortiment umgeräumt worden!
An guten Tagen ist es „nur“ maximal ärgerlich und sorgt dafür, dass ich am Ende vollkommen erschöpft bin und sehr, sehr schlechte Laune habe, an schlechten Tagen kann es dazu führen, dass ich den Laden umgehend verlassen muss, weil ich so reizüberfordert bin, dass ich keine Möglichkeit habe, auch nur eine Minute länger im Laden zu bleiben, um zu suchen, was ich brauche. Diese Tage enden dann oft mit einem emotionalen Zusammenbruch auf dem Sofa.

Warum erzähle ich das so ausführlich?
Weil ich möchte, dass deutlich wird, dass das „Hängen an Routinen“ keine „Macke“ von uns Autist_innen ist, keine Eigenart, die wir Autist_innen entwickeln, weil es lustig ist oder weil wir damit unser Umfeld „auf Trab“ halten können. Es ist für uns in dieser nicht für Autist_innen gemachten Welt eine Überlebensstrategie, um überhaupt einigermaßen funktionieren zu können.
Und ich wünsche mir einfach, dass das akzeptiert wird.

Es wäre schön, wenn neurotypische Menschen verstehen würden, dass unsere Meltdowns oder Shutdowns, die passieren können, wenn unsere Routinen plötzlich und ungeplant verändert oder unterbrochen werden, keine Bockigkeit sind, kein Schmollen und vor allem kein Zeichen von mangelnder Flexibilität!
Sie sind die Reaktion auf plötzlich wegfallende Netze, Haltegurte oder Führungsleinen mitten in einem Drahtseilakt.

Was ist „autistisches Maskieren“?

[Marion] So ähnlich wie beim Spektrum, bekomme ich auch beim Thema Maskieren immer wieder zu hören, „Aber wir tragen doch alle eine Maske.“
Ja, ich weiß, die Formulierung kenne ich.
Die neurotypische Maske hat allerdings gar nichts mit dem autistischen Maskieren zu tun.

Autistisches Maskieren ist eher so etwas wie ein Tarnmantel, den wir uns meistens schon sehr früh zulegen und der uns üblicherweise so sehr zur zweiten Haut wird, dass uns gar nicht bewusst ist, dass wir diesen Tarnmantel überhaupt haben.
Dabei ist diese Tarnung in der Regel keine bewusste Entscheidung, sondern eine Strategie, geboren aus der Erfahrung, dass wir mit unseren autistischen Verhaltensweisen in der neurotypischen Welt nicht willkommen sind.
Also beobachten wir die neurotypischen Menschen um uns herum und versuchen, sie so gut wie möglich zu imitieren, die Regeln ihrer Interaktionen zu verstehen und zu übernehmen, um so nicht mehr unangenehm aufzufallen.
Dieses ständige Beobachten und Anpassen ist unfassbar anstrengend und führt dazu, dass die meisten von uns sich regelmäßig erschöpft und müde fühlen.

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Ich habe von außen gesehen ein völlig normales Leben geführt. Ich habe studiert, gearbeitet, noch ein zweites Studium begonnen, war verheiratet, habe zwei Kinder geboren, habe diese nach dem Scheitern meiner Ehe alleine großgezogen, habe immer gearbeitet, nebenbei noch Fortbildungen besucht und weitere Zusatzausbildungen absolviert und Karriere gemacht. Ich war auf Konzerten, auf Festivals, habe viele Reisen gemacht, viel von der Welt gesehen. Ich bin meinen Hobbys nachgegangen.

Ich habe erst vor zwei Jahren erfahren, dass ich Autistin bin. Ich war so gut angepasst, dass niemandem meine autistischen Züge aufgefallen sind. Und ich habe überhaupt nicht gewusst, dass ich mich anpasse. Das lief so „automatisch“, dass ich gar keine Ahnung hatte, was ich da tue. Ich weiß nur, dass ich mein Leben lang eigentlich immer nur müde war.

Schule war so anstrengend, dass ich nachmittags regelmäßig geschlafen habe. Meine Eltern haben mich deshalb oft kritisiert und mir immer wieder vorgeworfen, ich würde nicht rechtzeitig ins Bett kommen und sei deshalb so müde. Nein, ich war müde, weil ich den ganzen Vormittag nicht nur im Unterricht aufpassen musste, sondern auch in den Pausen und in jeder Interaktion mit meinen Mitschüler_innen.

Als Erwachsene kenne ich es nicht anders als dass das Leben anstrengend ist.
Ich hatte immer wieder mit Depressionen zu kämpfen, habe regelmäßig so ziemlich jede Infektion mitgenommen, die an mir vorbei lief.
Und ich hatte immer ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich habe immer versucht, mich fitter zu machen, meine Kondition zu trainieren, Sport, Ernährung, Therapien…

Immer mit der Frage: was mache ich falsch?

Rückblickend weiß ich, ich habe nichts falsch gemacht. Ich war auch nicht schwach oder nicht belastbar. Im Gegenteil.

Nachdem ich meine Diagnose hatte, kam mir der Vergleich mit einem Computer:
Mein Betriebssystem ist ND, während die meisten anderen Betriebssysteme um mich herum NT sind. Da ich nicht wusste, dass ich ein anderes Betriebssystem habe, habe ich natürlich auch versucht, NT-Apps auf meinem Rechner laufen zu lassen. Auf einem ND-PC können NT-Apps laufen, kein Problem. Dafür gibt es Emulator-Programme, die den PC aussehen lassen, als wäre er ein NT-PC.

Das Problem: dieses Emulator-Programm braucht zusätzlichen Speicher, alle Apps müssen über dieses Programm laufen, keine App läuft „einfach so“ – und diese zusätzlichen Routinen verschlingen Akkukapazitäten, weil ja nicht nur die App laufen muss, sondern auch noch das Emulator-Programm, während im Hintergrund die ganze Zeit das eigentliche Betriebssystem arbeitet.
Und so hat mein System für alles, was andere (NT-)Systeme mit 60-80% Leistung erledigt haben, immer zwischen 90 und 100% gebraucht.
Das hält kein System auf die Dauer durch.

Was hat das mit autistischem Maskieren zu tun?
Autistisches Maskieren ist das Emulator-Programm, dass wir entwickeln, um die NT-Apps, also die neurotypisch-konformen Verhaltensweisen, ablaufen lassen zu können.

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Wie kann autistisches Maskieren aussehen?

Im Bereich Sprachverständnis:
Augenkontakt halten, auch wenn es schwer fällt, die eigene Körperhaltung anpassen und immer wieder kontrollieren, auch während eines Gesprächs, Small-Talk- Skripte parat halten (Floskeln nachahmen, einüben, Redewendungen merken), im Gespräch eher zurückhaltend sein, um nicht „reinzuplatzen“, obwohl man etwas beitragen könnte/möchte,

Im Bereich Soziales Bewusstsein:
Beobachten, studieren und nachahmen von neurotypischen Verhaltensmustern, sehr rigides Befolgen von Regeln, in Beziehung die Erwartungen erforschen und diese erfüllen, egal, wie es einem selbst damit geht, ggfs. Anregungen aus Büchern und Filmen holen, um zu verstehen, wie Beziehung funktionieren soll.

Im Bereich Monotropismus:
Das eigene Spezialinteresse verbergen, verleugnen, den Hyperfokus ausbremsen, tarnen, den Wechsel zwischen Aufgaben irgendwie organisieren, das Unwohlsein darüber verbergen, verleugnen.

Im Bereich Verarbeitung von Informationen:
Der
Hyperfokus hilft oft, neue Informationen zügig aufzunehmen, hier müssen gerade überdurchschnittlich oder hochbegabte Autist_innen oft eher aufpassen, dass sie nicht zu schnell unterwegs sind und ihre Umwelt verärgern, weil sie schon die Lösung sehen können, während die neurotypischen Kolleg_innen noch nicht einmal das Problem verstanden haben.
Sich an neue Umgebungen oder Situationen anzupassen und das auszuhalten, ist auch ein Teil des Maskierens. Autist_innen lernen, über ihre Gefühle hinweg zu gehen, sie beiseite zu schieben oder sie zu ignorieren. Das kann so weit gehen, dass sie sich selbst gar nicht mehr wahrnehmen können oder ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen.

Im Bereich Verarbeitung von sensorischen Informationen:
Das schicke Kleid zu tragen, obwohl der Stoff sich unangenehm auf der Haut anfühlt und das Gefühl wahnsinnig macht. Hohe Schuhe zu tragen, obwohl sie das Gleichgewicht beeinträchtigen. Mit ins Restaurant oder in den Club zu gehen und dabei das Unwohlsein aufgrund der Musik oder der vielen Menschen zu überspielen.

Im Bereich Repetitive Verhaltensweisen:
Hände festhalten, nicht zappeln, starr stehen, nicht summen, nicht mit Gegenständen „herumspielen“, das eigene Verhalten ständig unter Kontrolle zu halten.

Im Bereich Neuro-motorische Unterschiede:
Ausreden erfinden, warum man an bestimmten Aktionen nicht teilnehmen kann, Ungeschicklichkeiten mit einem Lächeln überspielen „ach, ich Schussel“, bestimmte Tätigkeiten in der Öffentlichkeit vermeiden, sich in der Öffentlichkeit besonders konzentriert bewegen.

All das benötigt ein sehr hohes Maß an Selbst-Kontrolle, an Selbst-Beobachtung und kostet entsprechend viel Energie. Autistisches Maskieren ist ein Dauerzustand, in vielen Fällen ist den Betroffenen gar nicht bewusst, dass sie maskieren.

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Ich bin hochbegabt und autistisch. Das heißt, mein Gehirn hat nicht nur eine andere Verarbeitungsstruktur, sondern auch eine andere Verarbeitungsgeschwindigkeit. Heute weiß ich, dass meine Hochbegabung meinen Autismus mein Leben lang verdeckt hat.
Meine Beobachtungsgabe, meine Fähigkeit, Strukturen und Muster zu erkennen und meine Verarbeitungsgeschwindigkeit haben mir von klein auf an geholfen, zu erkennen, was erwünscht war. Ich erinnere mich, dass ich schon in der Schule immer darauf geachtet habe, wie die anderen sich verhalten haben, um sie dann zu imitieren, bloß um nicht aufzufallen. Das hat zwar nicht besonders gut funktioniert, war aber die einzige Strategie, die mir zur Verfügung stand.

Die eine Frage, die mich mein ganzes Leben lang begleitet hat, war, „Warum macht der/die das?“ Also die Frage, warum (neurotypische) Menschen tun, was sie tun.
Und die andere Frage, “ Warum tue ich, was ich tue?“

Dabei haben mir sowohl die Psychologie wie auch spirituelles Wissen sehr geholfen. Bis heute sind das meine Spezialinteressen. Und nach mehr als 40 Jahren kann ich sagen, dass ich mir ein ziemlich fundiertes Wissen angeeignet habe, das ich auch immer mit eigenen Erfahrungen untermauern konnte.

Ich habe dieses Bild, dass jeder Mensch in sich diesen Keller hat, in dem er alles versteckt, was er an sich nicht mag/ablehnt und all die gruseligen Erfahrungen aus seinem Leben, die er am liebsten vergessen möchte.
Ich habe für mich gelernt, dass es wichtig ist, diesen Keller aufzuräumen, wenn ich meine Trigger, also die Themen, die mich immer wieder emotional „abschießen“, entschärfen will.
Ich habe mein ganzes Leben daran gearbeitet, diesen Keller aufzuräumen. Die Idee dahinter war, dass ich, wenn ich meinen Keller aufgeräumt habe, endlich weiß, warum ich tue, was ich tue, warum ich bin, wie ich bin – und ich mich dann so verändere, dass es endlich „Leicht“ wird, dass ich endlich dazu gehöre.

Im Sommer vor fast drei Jahren war ich tatsächlich so weit. Da hatte ich das Gefühl, „jetzt ist mein Keller aufgeräumt“. Seltsam war nur, dass durch den Kellerboden ein Riss zu laufen schien. „Naja, den muss ich nochmal auffüllen, aber das ist ja kein Problem.“ Irrtum.
Dieser Riss war ein Hinweis darauf, dass es noch einen weiteren Keller gab. Das habe ich dann im darauffolgenden Herbst, Winter und Frühjahr verstanden, als ich auf die Autismus-Spur stieß: in diesem weiteren Keller hatte sich mein autistisches Ich in einer Werkstatt versteckt. Und in dieser Werkstatt hat sie mir all die vielen Jahrzehnte hindurch immer wieder neue Tarnmäntel geschneidert. Bis sie jetzt an dem Punkt war, an dem sie keinen Tarnmantel mehr für mich hatte. Da ist uns das gesamte Gebäude über unseren Köpfen zusammengestürzt.

Das war so dramatisch, wie es sich anhört. Ich war so erschöpft, dass ich in den ersten Wochen nach meinem Zusammenbruch nur auf dem Sofa gesessen und Löcher in die Luft gestarrt habe. Ich konnte kaum sprechen und mich nur mit Mühe um mich kümmern. Aber das funktionierte zum Glück noch. Es gibt andere, die brechen so vollständig zusammen, dass sie sich nicht mehr selbst versorgen können. Ich denke, auch hier hat mir meine Hochbegabung geholfen, die einfach wusste, was zu tun war.

Seitdem sind jetzt zwei Jahre vergangen. Intensive, lehrreiche, schmerzhafte Jahre.

Heute komme ich allmählich an den Punkt, an dem ich akzeptieren kann, dass ich meinen Tarnmantel nie wieder bekommen werde. Ich bin wer ich bin, mit all den Eigenheiten und Eigenschaften, die mich ausmachen.

Und jetzt mache ich mich auf den Weg, die Apps zu finden, die auf meinem Betriebssystem laufen. Das ist nicht einfach, weil die NT-PCs immer noch darauf bestehen, dass ich ihre Apps laufen lassen können müsste. Aber es gibt Apps für ND-PCs. Und ich werde sie finden.

Autismus, Regeln und Verantwortung

[Marion] Ich verfolge seit Tagen die Diskussionen im Fediverse rund um die Veröffentlichungen von Collien Fernandes. Ich bin entsetzt darüber, wie ein Mann so etwas tun kann – auch, wenn er nicht der einzige ist und es, gefühlt, jeden Tag neue Horrornachrichten gibt.
Aber was mich noch viel mehr umtreibt, ist die Reaktion von anderen Männern auf den Aufschrei der Frauen.
Ich versuche, zu verstehen, was da passiert. Die ganze Auseinandersetzung fühlt sich für mich „slightly off“ an, schräg, so, als ginge es knapp am eigentlichen Punkt vorbei.
Die Frauen schreiben, „Die Männer….“, die Männer entgegnen empört, „Unschuldsvermutung“, „Nicht alle…“ usw. usw.

Und dann bin ich auf einen Blogtext von Christian Fischer (@jawl im Fediverse) gestoßen (https://hmbl.blog/19-3-2026-menners/?pk_campaign=openvibe).
Er schreibt unter anderem:
„Wenn sie es sich nicht selbst erarbeitet haben, haben Männer meiner Generation von niemand anderem gelernt, dass Verhalten Konsequenzen haben kann. Nicht von Eltern, nicht von Lehrkräften. Es hat immer ausgereicht, frech zu grinsen, und „schulligung“ in den noch nicht vorhandenen Bart zu murmeln.
Wir müssen nichts ernst nehmen.“

Und da hat es bei mir plötzlich klick gemacht.

Als Autistin habe ich Schwierigkeiten, die nonverbale Kommunikation zwischen NT, den Subtext und die unterschwelligen Spielregeln zu verstehen.
Ich habe z. B. keine Ahnung, wie flirten geht, was da von mir erwartet wird.
Ich kann kein Small Talk, das ist für mich eine extrem komplizierte Fremdsprache.
Ich verstehe keinen Sarkasmus, keine Ironie, wenn sie unvorhergesehen auftauchen. Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, Sarkasmus und Ironie anzuwenden, aber wenn es mich unvermutet trifft, bin ich hilf- und machtlos.
Ich kann nicht lügen. Und ich kann Lüge nicht erkennen.

Deshalb sind für mich Regeln so wichtig. Was sage ich wann, wie verhalte ich mich, was wird von mir erwartet.

In meiner Familie gab es wenig Vorschriften. Aber es gab ein paar Grundregeln, die bis heute meinen Kompass bestimmen:
* Sag die Wahrheit.
* Behandle alle Menschen so, wie du behandelt werden möchtest.
*
Fehler können passieren. Wenn du Mist gebaut hast, steh dazu und sorge dafür, dass es wieder auf die Reihe kommt.
* Bevor du etwas tust oder sagst, überlege, was es für Konsequenzen hat, für dich und für andere.

Ich habe von klein auf an gelernt, dass mein Handeln Konsequenzen hat, immer, egal, ob angenehm oder unangenehm. Sehr oft nur für mich, aber oft genug auch für die Menschen um mich herum oder für die Gesellschaft, in der ich lebe, oder auch für die Umwelt.

Ich habe gelernt, für meine Taten und ihre Folgen ver-Antwort-lich zu sein, d. h. Rede und Antwort (sic!) stehen zu können für das, was ich tue, und für die Folgen meines Handelns gerade zu stehen.

Ein ganz banales Beispiel aus der Zeit:
Wenn ich die Nacht durchlese, statt zu schlafen, bin ich am nächsten Morgen müde. Wenn ich dann die Klassenarbeit in den Sand setze, weil ich mich nicht konzentrieren kann, ist das die Konsequenz. Da ich mich entschieden habe, zu lesen, statt zu schlafen, trage ich die Verantwortung für die schlechte Klassenarbeit.

Ich dachte damals immer, dass das alle Kinder lernen. Aber offenbar nicht.
Ich habe erst mühsam lernen müssen, dass diese Grundregeln offenbar nicht für alle Menschen selbstverständlich sind. Aber ich wollte das nicht glauben. Ich habe das nie verstanden.

Im vergangenen Jahr habe ich sehr unschöne Erfahrungen mit einem Mann gemacht. Als ich ihn gefragt habe, warum er getan hat, was er getan hat, ob ihm klar sei, was das mit mir mache, kam nur „Darüber habe ich nie nachgedacht.“ Ich war fassungslos.
Aber als ich mit einer Freundin darüber sprach, meinte sie, er sei halt ein „Boomer“-Mann und die Männer dieser Generation würden nie nachdenken. Sie hätten es nie gemusst, weil ihnen immer alles abgenommen worden sei.

Mit einem Mal ergab eine Menge für mich einen Sinn.

Diese Boomer-Männer sind in den letzten zwei, drei Jahrzehnten in Machtpositionen vorgerückt. Sie wurden zu Vorbildern für andere, jüngere, Männer, die die Haltung gerne übernommen und perfektioniert haben. Sie haben einfach „ihr Ding“ gemacht – und sind damit durchgekommen, weil sich nie jemand getraut hat, sie zur Verantwortung zu ziehen.

Bis die Frauen anfingen, sich ihrer eigenen Macht bewusst zu werden, für ihre Rechte einzustehen. Und die Minderheiten und die marginalisierten Menschen. Bis plötzlich all die anfingen, laut zu werden, die bisher in den Augen dieser Männer keine Rolle spielten.

Jetzt werden den Boomern (und ihre Nachfolgern) plötzlich Fragen gestellt.
Jetzt müssen sie plötzlich Antworten geben, Antworten, die sie nicht haben.
Jetzt werden sie plötzlich für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen.
Jetzt ist das alles auf einmal kein Spiel mehr.
Jetzt ist es ernst.

Und das löst bei ihnen Panik aus, Verunsicherung, Abwehr, Wut.

Warum ist das, was früher doch einfach weggelacht wurde, jetzt nicht mehr zum Lachen?
Warum dürfen sie plötzlich nicht mehr alles sagen?
Warum sind plötzlich alle so empfindlich, alles Spielverderber, alles Spaßbremsen?
Und im übrigen war das doch nie so gemeint.

Ja, aber wie dann? Die Antwort darauf bleiben sie uns schuldig.
Stattdessen fühlen sie sich in die Enge getrieben und schlagen um sich.

Es gibt sie. Es gibt die Männer, die nachdenken, die sehen, was passiert, die anders handeln. Aber auch sie sind noch nicht bereit, wirklich Verantwortung zu übernehmen.
Sie ziehen sich zurück auf „not all men“, auf „ja, aber ich bin nicht so“, auf „aber ich kümmer mich doch“.

Es tut mir Leid, liebe Männer, das genügt nicht.
Verantwortung zu übernehmen, ist mehr.

Kindergarten ist vorbei. Übernehmt endlich die Verantwortung, stellt euch den Fragen und gebt Antworten.

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Nachtrag:

Der obige Text bezog sich ausschließlich auf den Bereich von Gewalt gegen Frauen.

Natürlich geht es noch um viel mehr. Die ganze Welt ist aus den Fugen geraten, weil die, die den Kurs bestimmen, unverantwortlich handeln und für ihr Handeln nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Es gilt: wir alle zusammen haben die Welt dahin gebracht, wo sie heute ist.
Und nur wir alle zusammen können diese Welt noch retten.
Die Rettung fängt dabei bei jedem und jeder von uns selbst an.
Ich bin der Meinung, wir müssen alle endlich lernen, konsequent(er) für das, was wir tun, gerade zu stehen.
Wir müssen lernen, für uns selbst die Verantwortung zu übernehmen. Jeder und jede von uns. Denn:

WIR SIND ALLE VERANTWORTLICH!

Dabei geht es an keiner Stelle um Schuld. Das ist ein völlig anderes Thema.
Schuld und Verantwortung werden immer wieder und wie ich finde, fahrlässig und unzulässig, miteinander vermischt oder sogar synonymisiert.
Schuld ist aus meiner Sicht ein Konstrukt, das erfunden wurde, um Menschen von ihrer Verantwortung zu befreien. Schuld und Sühne, Schuld und Ent-Schuldigung… darum geht es hier nicht.

Es geht um Antworten.

Ich habe schon als Kind gelernt, wenn ich etwas tue, muss ich in der Lage sein, auf Fragen dazu antworten zu können.
*Warum hast du das getan?
*
Was wolltest du erreichen?
*
Was sind die Auswirkungen auf dich, deine Mitmenschen, deine Umwelt, die Erde?
*
Wie geht es dir damit?

Wenn ich auch nur eine dieser Fragen nicht beantworten kann, handle ich un-ver-Antwort-lich.
Wenn ich die Antworten auf mein Handeln nicht mag, muss ich mein Handeln überdenken.

Was ist das „Autismus-Spektrum“?

[Marion] Vor fast zwei Jahren habe ich meine Diagnose „Asperger-Autistin“ bekommen. Das hat mir eine Menge Fragen beantwortet, mit denen ich mein Leben lang gerungen habe.
Ich gehe daher mit dem Thema Autismus und meiner Diagnose sehr offen um.

Das führt allerdings, gerade bei Menschen, die mich nicht gut kennen, immer mal wieder zu Reaktionen wie „Das sieht man dir aber nicht an.“ oder „Wir sind doch alle im Spektrum.“ oder „Wir sind doch alle ein bisschen autistisch.“
Nein, sollt ihr auch nicht. Nein, sind wir nicht. Und nein, sind wir nicht.

Deshalb möchte ich heute meine Informationen zum Autismus-Spektrum teilen.

Kleiner Exkurs an dieser Stelle, weil ich die nachfolgenden Begriffe immer wieder verwenden werde und sie oft vermischt werden:

Neurodivers ist die Bezeichnung für die Tatsache, dass alle Menschen in ihrer Wahrnehmung der Umwelt und in ihrer Reizverarbeitung Unterschiede aufweisen.
Neurotypisch (NT) umschreibt alle Menschen, deren Gehirn „normal“ strukturiert ist.
Neurodivergent (ND) umschreibt die Menschen, deren Gehirn anders strukturiert und vernetzt ist.

Heißt:
Wir sind alle neurodivers.
D
ie Mehrheit der Menschheit ist neurotypisch.
Menschen mit Autismus, Hochbegabung, ADHS u.ä. sind neurodivergent.

Zurück zum Thema.

Was ist das „Autismus-Spektrum“?
Der Begriff Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist noch relativ neu. Er hat sich in den letzten Jahren vor allem im anglophonen Raum durchgesetzt (autism spectrum disorder – ASD), als Forschenden immer deutlicher wurde, dass die drei Kategorien ‚frühkindlicher Autismus‘, ‚Asperger‘ und ‚Atypischer Autismus‘ der Vielfalt der Ausdrucksformen von Autismus nicht gerecht werden.

Autismus ist eine Folge einer von der normalen neuronalen (neurotypischen) Struktur des Gehirns abweichenden Struktur. Diese neuronale Divergenz ist genetisch. Die genetische Kombination dahinter ist extrem komplex und die Forschung versucht immer noch, die Ursachen heraus zu finden.
Es scheint so zu sein, dass es Trigger braucht, um die genetische Veranlagung „auszulösen“. Aber das ist noch Spekulation.

Was inzwischen sicher ist: Autismus gibt es in den unterschiedlichsten Ausprägungen.
Und hier kommt das Spektrum ins Spiel.

Wir kennen den Begriff Spektrum aus der Physik, z. B. im Bereich Farben. Es gibt die Grundfarben, aus denen sich im Prinzip alle Farben zusammenmischen lassen.

So ähnlich ist das mit den Ausprägungen im Autismus.

Es gibt aktuell sieben Aspekte, anhand derer Autismus beschrieben wird. Diese bilden sozusagen die Grundfarben. Das sind:

1. Sprachverständnis
Das umfasst die gesamte Palette der Kommunikation inkl. u. a. Körpersprache, Augenkontakt, Small-Talk oder der Fähigkeit, zu erkennen, wann man in einem Gespräch „an der Reihe“ ist.
Ich habe z. B. große Schwierigkeiten, Ironie oder Sarkasmus zu verstehen. Das geht bei mir nur anhand einer Art interner Checkliste, die anspringt, wenn das, was mein Gegenüber sagt, nicht zu meinem Gesagten passt. Aber bis die abgearbeitet ist, kann es durchaus sein, dass ich schon emotional reagiere, weil das noch schneller geht. Leider ist die emotionale Reaktion meist „falsch“.

2. Soziales Bewusstsein
Das meint die Fähigkeit, die Verhaltens-Regeln und -Normen und Tabus zu erkennen und intuitiv zu erfassen, sowie die Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und zu halten.
Ich habe z. B. mühsam lernen müssen, dass nicht alle Menschen meinen, was sie sagen oder dass Regeln nicht für alle und nicht zu jedem Zeitpunkt gelten. Ich habe das mal mit Billard verglichen: während ich eher Pool spiele, also direkt mit der weißen Kugel auf die bunten, scheinen neurotypische Menschen eher Carambolage, also über Bande, zu spielen. Das ist für mich schwer zu verstehen, mit dem Ergebnis, dass solche Kontakte meist schnell beendet sind.

3. Monotropismus
Damit sind das sehr autismus-typsiche Spezialinteresse, die Fähigkeit zum Hyperfokus gemeint, sowie Schwierigkeiten, bei der Bearbeitung zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her zu wechseln.
Wenn mich etwas interessiert, dann beschäftige ich mich gerne ausführlich und fast ausschließlich damit, bis es irgendwann, manchmal sehr plötzlich, nicht mehr interessant ist – und dann kann ich mich auch nicht mehr oder nur noch sehr schwer darauf einlassen.
Andererseits ist es so, wenn ich z. B. dienstlich eine Aufgabe zu fassen habe, dann bin ich mit meiner ganzen Aufmerksamkeit dabei. Wenn dann jemand kommt und mich unterbricht oder mir einen neuen Auftrag gibt, dann ist es für mich sehr schwer, die alte Aufgabe noch fertig zu stellen, weil ich dann aus diesem Fokus raus bin. Es kostet mich dann sehr viel Kraft, beide Aufgaben zu einem Ende zu bringen.
Es kann auch durchaus passieren, dass ich für den Tag gar nichts mehr bearbeiten kann oder mich mit etwas ganz anderem beschäftige.

4. Verarbeitung von Informationen
Hier geht es um die Fähigkeit, neue Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und anzuwenden oder sich an neue Umgebungen oder Situationen anzupassen.
Dank meiner Hochbegabung habe ich hier weniger Probleme als andere, meine Datenverarbeitungsgeschwindigkeit ist relativ hoch, so dass ich mit neuen Informationen relativ leicht umgehen kann. Wo es allerdings schwierig wird, ist, wenn sich Pläne verändern, also z. B. Verabredungen abgesagt oder zeitlich nach vorn oder hinten verschoben werden. Das hat auch was mit Routinen zu tun, darüber schreibe ich an anderer Stelle nochmal mehr.

5. Verarbeitung von sensorischen Informationen
Das meint Schwierigkeiten, sensorische Informationen zu interpretieren, Hypersensitivität, Hypsersensibilität, aber auch Alexithymie, die sog. Gefühlsblindheit.
Bei mir ist es z. B. so, dass ich auf akustische Reize extrem empfindlich reagiere. Musik hören geht, wenn es meine Musik ist, weil ich sie kenne. Aber z. B. Podcast oder Audiobook zu hören, ist für mich fast unmöglich, weil die Information gefühlt quasi direkt in mein Gehirn geht, ohne dass ich eine Möglichkeit habe, das vorher zu stoppen oder abzubremsen. Auch Umgebungsgeräusche, Kaufhaus-Musik oder Stimmengewirr können extrem herausfordernd sein. Hier helfen mir Noise-Cancelling-Kopfhörer oder ear-loops, die die Geräusche etwas dämpfen.
Bei visuellen Reizen ist das für mich nicht ganz so schlimm, aber wenn es draußen hell ist, brauche ich meine Sonnenbrille oder ein Cap mit breitem Sonnenschirm.
Was Emotionen angeht, so habe ich von kleinauf an gelernt, sie zu erkennen und zu benennen, so dass ich mit meinen eigenen relativ wenig Schwierigkeiten habe und sie auch in meinem Gegenüber einigermaßen sicher identifizieren kann.
Allerdings bin ich sehr schnell überfordert, wenn ich in eine größere Gruppe von Menschen komme (mehr als zwei), weil ich dann alles mitbekomme, was gerade abläuft, aber ohne eine Chance, das zuordnen oder sortieren zu können.
Zum Thema Alexithymie gibt es inzwischen eine Theorie, dass es bei diesen Menschen in der frühen Kindheit zu einer derartigen Reizüberladung des Gehirns gekommen ist, dass das Gehirn für diesen Teil eine Art FI-Schalter umgelegt hat, um die neuronalen Strukturen zu schützen. Eine andere ist, dass diese Menschen nie die Chance hatten, ihre Gefühle zu identifizieren und zu benennen und so die eigene Wahrnehmung nicht trainieren konnten und die Emotionen daher auch in anderen nicht erkennen können.

6. Repetitive Verhaltensweisen
Damit ist die für Autist_innen typische Tendenz gemeint, zu „stimmen“ (Stimming = self-stimulating behaviour = sich wiederholendes Verhalten zur Selbstregulation) als Antwort auf emotionalen Stress. Stimmen kann hilfreich, aber auch selbstschädigend sein (z. B. wippen, summen, mit einem Gegenstand hantieren, aber auch ritzen oder beißen uvm)
Ich habe z. B. immer ein kleines „Sandtier“ in der Tasche, das ich herausholen und kneten kann, zusätzlich trage ich sogenannte Fidget-Ringe und habe für größere Veranstaltungen eine kleine Tasche mit verschiedenen Fidget-Toys. Außerdem singe oder summe ich vor mich hin und wenn es zuviel wird, kann es gut passieren, dass ich anfange, mit den Beinen zu zappeln. 

7. Neuro-motorische Unterschiede
Damit ist die bei Autist_innen häufig vorliegende Schwierigkeit gemeint, die eigenen Körperbewegungen zu kontrollieren. Das kann von leichter Ungeschicklichkeit bis hin zu einem vollständigen Verlust der Kontrolle über die Motorik reichen. Dazu gehört auch die Propriorezeption, also die Fähigkeit, die Lage des eigenen Körpers im Raum wahrzunehmen.
Ich habe z. B. als Kind Ballet und Jazztanz gemacht, später Tanzschule und ich bin viel geschwommen. Das hat mir sehr geholfen, meine Bewegungen zu kontrollieren. Trotzdem passiert es mir regelmäßig, dass ich gegen Türrahmen laufe oder an Stühlen, Tischen oder ähnlichem hängenbleibe. Auch Türklinken können eine Falle sein. Hinzu kommen bei mir leichte Gleichgewichtsstörungen, die Geradeaus-Laufen manchmal zu einer echten Herausforderung werden lassen. 

Diese sieben Aspekte stellen gewissermaßen die Grundfarben dar. Und die jeweilige Ausprägung des Autismus setzt sich aus den verschiedenen Abstufungen in den jeweiligen Aspekten zusammen.

Das heißt: alle Autist:innen haben z. B. Probleme damit, soziale Spielregeln zu erkennen und intuitiv richtig anzuwenden. Und sie haben z. B. Schwierigkeiten, Augenkontakt zu halten.Und sie neigen zu repetitiven Verhaltensweisen wie mit den Fingern zappeln, wippen, summen, mit dem Kuli kllicken usw.
Allerdings sind diese Schwierigkeiten nicht immer erkennbar.
Viele Autist_innen, gerade die sog. (hoch)funktionalen Autist_innen (Asperger), haben im Verlauf ihres Lebens gelernt, diese Schwierigkeiten zu verstecken oder zu überspielen, um nicht aufzufallen.
Dieses Verstecken oder Überspielen wird auch als Maskieren bezeichnet.

Maskieren kostet viel Konzentration und Kraft. Es ist mit ein Grund, warum Autist_innen nach sozialen Interaktionen oftmals sehr erschöpft sind und eine Ruhephase brauchen.
Zum Thema Maskieren schreibe ich an anderer Stelle nochmal mehr.

Zusammengefasst:
Ein_e Autist_in weist alle Aspekte des Autismusspektrums auf. Diese können sich allerdings individuell in unterschiedlich starker Ausprägung bemerkbar machen.
Neurotypische Menschen können einzelne Verhaltensweisen zeigen, die sich auch im Autismusspektrum wiederfinden. Diese haben jedoch dann andere Gründe.
So kann z. B. eine Traumafolgestörung Aspekte aufweisen, die sich auch im Autismusspektrum wiederfinden. Das sieht dann zwar vlt ähnlich aus, ist aber nicht das Gleiche.

Warum ist mir das so wichtig?
Mein ganzes Leben lang hatte ich das Gefühl, verkehrt zu sein. Ich habe mein ganzes Leben lang einen großen Teil meiner Energie darauf verwendet, herauszufinden, was mit mir nicht stimmt. Gleichzeitig habe ich mindestens genauso viel Energie darauf verwendet, mich so passend wie möglich zu machen, um nicht aufzufallen, um dazu zu gehören.

Das war furchtbar anstrengend. Ich bin mein ganzes Leben lang immer müde gewesen, immer erschöpft, und habe immer gedacht, ich wäre nur faul oder müsste einfach mehr Sport machen, meine Kondition trainieren oder oder oder…
Heute weiß ich, dass ich genau das Gegenteil gebraucht hätte, mehr Auszeit, mehr Ruhe, mehr Dekompressionsphasen. Das Ergebnis war ein totaler Zusammenbruch vor etwa eineinhalb Jahren, von dem ich mich bis heute noch nicht erholt habe – und möglicherweise auch nie mehr richtig erholen werde.
Und ich weiß, dass es vielen Autist_innen, insbesondere auch Frauen ungefähr in meinem Alter, ähnlich geht.
Ich würde eine Menge dafür geben, wenn es anders wäre. Aber ich bin damit geboren und es gibt keine Heilung, keine Medikamente, keine Therapie. Ich kann nur lernen, damit umzugehen.

Ich will kein Mitleid, darum geht es mir nicht. Aber ich möchte, dass endlich gesehen und respektiert wird, was mit uns los ist und was das für unsere Leben bedeutet.

Mir hat mein Zusammenbruch meine gesamte Lebensplanung geschrottet. Ich muss mit Ende 50 nochmal komplett neu planen. Das fühlt sich katastrophal an.

Und dann finde ich es schlicht respektlos und gedankenlos, wenn dann jemand daher kommt und meint, er/sie (meistens sind es allerdings eher Männer) hätte ja z. B. auch manchmal Schwierigkeiten, sich auf ein Gespräch zu konzentrieren, er sei vlt auch ein bisschen autistisch.