Autismus, Regeln und Verantwortung

[Marion] Ich verfolge seit Tagen die Diskussionen im Fediverse rund um die Veröffentlichungen von Collien Fernandes. Ich bin entsetzt darüber, wie ein Mann so etwas tun kann – auch, wenn er nicht der einzige ist und es, gefühlt, jeden Tag neue Horrornachrichten gibt.
Aber was mich noch viel mehr umtreibt, ist die Reaktion von anderen Männern auf den Aufschrei der Frauen.
Ich versuche, zu verstehen, was da passiert. Die ganze Auseinandersetzung fühlt sich für mich „slightly off“ an, schräg, so, als ginge es knapp am eigentlichen Punkt vorbei.
Die Frauen schreiben, „Die Männer….“, die Männer entgegnen empört, „Unschuldsvermutung“, „Nicht alle…“ usw. usw.

Und dann bin ich auf einen Blogtext von Christian Fischer (@jawl im Fediverse) gestoßen (https://hmbl.blog/19-3-2026-menners/?pk_campaign=openvibe).
Er schreibt unter anderem:
„Wenn sie es sich nicht selbst erarbeitet haben, haben Männer meiner Generation von niemand anderem gelernt, dass Verhalten Konsequenzen haben kann. Nicht von Eltern, nicht von Lehrkräften. Es hat immer ausgereicht, frech zu grinsen, und „schulligung“ in den noch nicht vorhandenen Bart zu murmeln.
Wir müssen nichts ernst nehmen.“

Und da hat es bei mir plötzlich klick gemacht.

Als Autistin habe ich Schwierigkeiten, die nonverbale Kommunikation zwischen NT, den Subtext und die unterschwelligen Spielregeln zu verstehen.
Ich habe z. B. keine Ahnung, wie flirten geht, was da von mir erwartet wird.
Ich kann kein Small Talk, das ist für mich eine extrem komplizierte Fremdsprache.
Ich verstehe keinen Sarkasmus, keine Ironie, wenn sie unvorhergesehen auftauchen. Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, Sarkasmus und Ironie anzuwenden, aber wenn es mich unvermutet trifft, bin ich hilf- und machtlos.
Ich kann nicht lügen. Und ich kann Lüge nicht erkennen.

Deshalb sind für mich Regeln so wichtig. Was sage ich wann, wie verhalte ich mich, was wird von mir erwartet.

In meiner Familie gab es wenig Vorschriften. Aber es gab ein paar Grundregeln, die bis heute meinen Kompass bestimmen:
* Sag die Wahrheit.
* Behandle alle Menschen so, wie du behandelt werden möchtest.
*
Fehler können passieren. Wenn du Mist gebaut hast, steh dazu und sorge dafür, dass es wieder auf die Reihe kommt.
* Bevor du etwas tust oder sagst, überlege, was es für Konsequenzen hat, für dich und für andere.

Ich habe von klein auf an gelernt, dass mein Handeln Konsequenzen hat, immer, egal, ob angenehm oder unangenehm. Sehr oft nur für mich, aber oft genug auch für die Menschen um mich herum oder für die Gesellschaft, in der ich lebe, oder auch für die Umwelt.

Ich habe gelernt, für meine Taten und ihre Folgen ver-Antwort-lich zu sein, d. h. Rede und Antwort (sic!) stehen zu können für das, was ich tue, und für die Folgen meines Handelns gerade zu stehen.

Ein ganz banales Beispiel aus der Zeit:
Wenn ich die Nacht durchlese, statt zu schlafen, bin ich am nächsten Morgen müde. Wenn ich dann die Klassenarbeit in den Sand setze, weil ich mich nicht konzentrieren kann, ist das die Konsequenz. Da ich mich entschieden habe, zu lesen, statt zu schlafen, trage ich die Verantwortung für die schlechte Klassenarbeit.

Ich dachte damals immer, dass das alle Kinder lernen. Aber offenbar nicht.
Ich habe erst mühsam lernen müssen, dass diese Grundregeln offenbar nicht für alle Menschen selbstverständlich sind. Aber ich wollte das nicht glauben. Ich habe das nie verstanden.

Im vergangenen Jahr habe ich sehr unschöne Erfahrungen mit einem Mann gemacht. Als ich ihn gefragt habe, warum er getan hat, was er getan hat, ob ihm klar sei, was das mit mir mache, kam nur „Darüber habe ich nie nachgedacht.“ Ich war fassungslos.
Aber als ich mit einer Freundin darüber sprach, meinte sie, er sei halt ein „Boomer“-Mann und die Männer dieser Generation würden nie nachdenken. Sie hätten es nie gemusst, weil ihnen immer alles abgenommen worden sei.

Mit einem Mal ergab eine Menge für mich einen Sinn.

Diese Boomer-Männer sind in den letzten zwei, drei Jahrzehnten in Machtpositionen vorgerückt. Sie wurden zu Vorbildern für andere, jüngere, Männer, die die Haltung gerne übernommen und perfektioniert haben. Sie haben einfach „ihr Ding“ gemacht – und sind damit durchgekommen, weil sich nie jemand getraut hat, sie zur Verantwortung zu ziehen.

Bis die Frauen anfingen, sich ihrer eigenen Macht bewusst zu werden, für ihre Rechte einzustehen. Und die Minderheiten und die marginalisierten Menschen. Bis plötzlich all die anfingen, laut zu werden, die bisher in den Augen dieser Männer keine Rolle spielten.

Jetzt werden den Boomern (und ihre Nachfolgern) plötzlich Fragen gestellt.
Jetzt müssen sie plötzlich Antworten geben, Antworten, die sie nicht haben.
Jetzt werden sie plötzlich für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen.
Jetzt ist das alles auf einmal kein Spiel mehr.
Jetzt ist es ernst.

Und das löst bei ihnen Panik aus, Verunsicherung, Abwehr, Wut.

Warum ist das, was früher doch einfach weggelacht wurde, jetzt nicht mehr zum Lachen?
Warum dürfen sie plötzlich nicht mehr alles sagen?
Warum sind plötzlich alle so empfindlich, alles Spielverderber, alles Spaßbremsen?
Und im übrigen war das doch nie so gemeint.

Ja, aber wie dann? Die Antwort darauf bleiben sie uns schuldig.
Stattdessen fühlen sie sich in die Enge getrieben und schlagen um sich.

Es gibt sie. Es gibt die Männer, die nachdenken, die sehen, was passiert, die anders handeln. Aber auch sie sind noch nicht bereit, wirklich Verantwortung zu übernehmen.
Sie ziehen sich zurück auf „not all men“, auf „ja, aber ich bin nicht so“, auf „aber ich kümmer mich doch“.

Es tut mir Leid, liebe Männer, das genügt nicht.
Verantwortung zu übernehmen, ist mehr.

Kindergarten ist vorbei. Übernehmt endlich die Verantwortung, stellt euch den Fragen und gebt Antworten.

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Nachtrag:

Der obige Text bezog sich ausschließlich auf den Bereich von Gewalt gegen Frauen.

Natürlich geht es noch um viel mehr. Die ganze Welt ist aus den Fugen geraten, weil die, die den Kurs bestimmen, unverantwortlich handeln und für ihr Handeln nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Es gilt: wir alle zusammen haben die Welt dahin gebracht, wo sie heute ist.
Und nur wir alle zusammen können diese Welt noch retten.
Die Rettung fängt dabei bei jedem und jeder von uns selbst an.
Ich bin der Meinung, wir müssen alle endlich lernen, konsequent(er) für das, was wir tun, gerade zu stehen.
Wir müssen lernen, für uns selbst die Verantwortung zu übernehmen. Jeder und jede von uns. Denn:

WIR SIND ALLE VERANTWORTLICH!

Dabei geht es an keiner Stelle um Schuld. Das ist ein völlig anderes Thema.
Schuld und Verantwortung werden immer wieder und wie ich finde, fahrlässig und unzulässig, miteinander vermischt oder sogar synonymisiert.
Schuld ist aus meiner Sicht ein Konstrukt, das erfunden wurde, um Menschen von ihrer Verantwortung zu befreien. Schuld und Sühne, Schuld und Ent-Schuldigung… darum geht es hier nicht.

Es geht um Antworten.

Ich habe schon als Kind gelernt, wenn ich etwas tue, muss ich in der Lage sein, auf Fragen dazu antworten zu können.
*Warum hast du das getan?
*
Was wolltest du erreichen?
*
Was sind die Auswirkungen auf dich, deine Mitmenschen, deine Umwelt, die Erde?
*
Wie geht es dir damit?

Wenn ich auch nur eine dieser Fragen nicht beantworten kann, handle ich un-ver-Antwort-lich.
Wenn ich die Antworten auf mein Handeln nicht mag, muss ich mein Handeln überdenken.